Full text : Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft

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unmittelbar  in  die  Hand  bekommt.  Es  ist  nicht  ausgeschlossen,  daß  ein  Staat,
welcher  über  Naturalmengen  gebietet,  im  Auslande  größeren  Kredit  genießt
als  einer,  welcher  bloß  Geld  anbieten  kann,  dessen  Kaufkraft  unbestimmt  und
zweifelhaft  ist.  Gerade  in  Zeiten  der  Unruhe  und  Unsicherheit  sind  Naturalien
erwünschte  Pfandgegenstände.  Wir  sehen  ja  auch,  wie  die  Entente  vor  allem
Maschinen,  Rohstoffe  usw.  fordert,  wie  ja  auch  die  Mittelmächte  vor  allem
Naturalien  von  Rumänien,  von  der  Ukraine  zu  erlangen  trachteten.
Wir  müssen  uns  endlich  von  veralteten  Vorurteilen  befreien  und  in  der
Großnaturalwirtschaft  eine  vollwertige  Wirtschaftsform  erblicken,  welche
heute  um  so  bedeutsamer  ist,  als  jede  vollständige  Verwaltungswirtschaft ­
  letzten  Endes  Naturalwirtschaft  ist.  Sozialisieren  heißt
daher  die  Naturalwirtschaft  fördern.  An  der  zersplitterten,  unbeherrschbaren
Geldordnung  festhalten  und  gleichzeitig  sozialisieren  wollen,  ist  ein  innerer
Widerspruch.  Es  gehört  zum  Wesen  des  Geldes,  daß  es  nicht  geleitet  werden
kann,  und  alle  Versuche,  die  „richtige  Geldmenge“  zu  bestimmen,  sind  vergebliches ­
  Bemühen.  Die  bisherigen  geldpolitischen  Bestrebungen  waren  praktisch ­
  ergebnislos,  theoretisch  unzulänglich,  nicht  weil  die  Bearbeiter  unfähig
waren,  sondern  weil  das  Geld  ein  ungeeignetes  Objekt  all  dieser  Bemühungen
war.  Wenn  man  einmal  das  Wesen  des  Geldes  voll  erkannt  haben  wird,  dann
wird  es  allen  wie  Schuppen  von  den  Augen  fallen,  und  die  Entwicklung  von
Jahrhunderten  wird  wie  ein  großer  Irrtum  erscheinen.  Späteren  Geschlechtern ­
  mag  es  dann  Vorbehalten  sein,  zu  zeigen,  welche  befruchtenden,
welche  vernichtenden  Wirkungen  das  unaufhörliche  Streben  nach  einer  vollkommenen ­
  Geldordnung  erzeugt  hat.
In  einer  Großnaturalwirtschaft,  in  einer  sozialisierten  Wirtschaft  ist  das
Geld  keine  treibende  Kraft  mehr.  Es  gibt  dann  keinen  „Reingewinn“,
um  dessentwillen  produziert  würde.  Geld  kann  höchstens  als  Anweisung  aut
allerlei  Gegenstände  und  Leistungen  bestehen  bleiben,  welche  der  einzelne
Verbraucher  erhält,  um  seinen  Verbrauch  einrichten  zu  können.  Es  hängt
vom  gesamten  Wirtschaftsplan  ab,  in  welchem  Ausmaß  die  Mannigfaltigkeit
des  Einzeldaseins  Berücksichtigung  finden  kann.  Eins  werde  vorweg  festgestellt ­
  :  Innerhalb  einer  sozialisierten  Wirtschaft  kann  eine
weit  größere  Mannigfaltigkeit  der  Lebensweise  ermöglicht ­
  werden,  als  innerhalb  der  freien  Verkehrs  Wirtschaft.
Die  freie  Konkurrenz  erzwang  eine  weitgehende  Gleichartigkeit.  Die  Arbeitszeit ­
  z.  B.  paßte  sich  der  „Weltarbeitszeit“  an,  da  ja  alles  auf  alles  durch  Vermittlung ­
  des  Marktes  einwirkte.  Ganz  anders  innerhalb  der  sozialisierten  Wirtschaft. ­
  Es  kann,  wenn  es  die  Gesellschaft  wünscht,  neben  dem  achtstündigen
Arbeitstag  für  Durchschnittsarbeiter  ein  sechsstündiger  für  Kriegsbeschädigte
und  Alternde  Geltung  haben.
Die  Ausschaltung  des  Reingewinns  ist  eine  notwendige  Folge  der
Sozialisierung;  selbst  in  einer  nur  teilweise  durchgeführten  Verwaltungswirtschaft, ­
  wie  es  die  Kriegswirtschaft  war,  wurde  der  Reingewinn  im  wesentlichen ­
  willkürlich  festgesetzt.  Wenn  durch  Verbände  oder  durch  den  Staat
Mindestlöhne  und  Höchstpreise  festgelegt  sind,  ist  der  Reingewinn  im  wesentlichen ­
  mitbestimmt.  Er  ist  dann  eigentlich  ein  verwaltungsmäßig  bestimmtes
Geldeinkommen  und  ist  weder  geeignet,  Anreiz  für  Leistungen,  noch
ein  auch  nur  vermeintlicher  Anzeiger  für  die  Wirtschaftlichkeit ­
  einer  Maßnahme  zu  sein.  In  der  überlieferten  Wirtschaftsordnung ­
  entschied  man  die  Frage,  ob  eine  Mühle  oder  ein  Hüttenwerk  zu  bauen
sei,  auf  Grund  des  Reingewinns,  welchen  das  eine  oder  das  andere  Unternehmen ­
  abwarf.  Verzinste  sich  das  eine  mit  5  v.  H.,  das  andere  mit  6  v.  H.,
so  galt  letzteres  für  wirtschaftlicher.  Wenn  höherer  Reingewinn  durch  bessere
Maschinen,  sparsamere  Behandlung  der  Rohstoffe  erzielt  wurde,  war  er  tatsächlich ­
  ein  Anzeiger  der  Wirtschaftlichkeit,  er  konnte  aber  unter  Umständen
wachsen,  wenn  der  Unternehmer  Produkte  vernichtete  oder  Produktionsmöglichkeiten ­
  ungenützt  ließ.  Der  Reingewinn  war  aber  nicht  nur  ein  Anzeiger,  er
war  gleichzeitig  die  Prämie  für  den  Unternehmer,  durch  welche  seine  Maßnahmen ­
  belohnt  wurden.  Der  Reingewinn  förderte  so  die  Entwicklung  der
Technik,  er  förderte  aber  auch  den  Mißbrauch  an  Menschenkraft.
            
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