Full text : Die Arbeiterfrage

Warum  diese  Binsenwahrheit  hier  so  ausgebreitet  wird?
Weil  die  Behauptung  von  ihrem  Gegenteil  recht  eigentlich  noch
eine  Signatur  ist  unserer  Zeit.  Ein  solches,  wenn  auch  unbewußt
abgegebenes,  und  wenn  man  ernst  dagegen  auftritt,  von  niemandem ­
  festgehaltenes,  dennoch  aber  immer  und  immer  wieder
auftauchendes  Zeiturteil  dahin,  Maschinenkräfte  seien  geeignet,
Menschenkräfte  zu  ersetzen,  ist  nUr  möglich  in  einer  Periode  mechanischer ­
  Roheit,  die  fern  ist  dem  nil  humanum  a  me  alienum
puto  *.
„Wenn  Kette  und  Schuß  schlecht  geht,“  äußert  ergrimmt
ein  Berliner  Weber,  „wenn  man  bei  intensiver  Arbeit  die  Stunde
2500—3000  Schuß  macht,  dann  bekommt  man  die  Nase  voll,  da
webt  man,  wie  Gerhart  Hauptmann  schildert,  einen  tausendfältigen ­
  Fluch  in  die  Arbeit  hinein.“
Die  Klagen  über  schlechtes  Material  sind  ganz  allgemein.
Ein  Förster  Weber:  „Frühmorgens,  wenn  die  Arbeit  beginnt,
nehme  ich  die  Schmierkanne  zur  Hand  und  schmiere  alles  gut
ein.  Es  sind  ungefähr  an  einem  Stuhl  xoo  Schmierlöcher.  Dann
sehe  ich,  ob  alle  Webschützen  mit  Schuß  versehen  sind  Und  ob
alle  Fäden  im  Geschirr  sind.  Dann  setze  ich  den  Stuhl  in  Gang
und  passe  auf,  ob  der  Schuß  langt.  Wenn  die  Spule  alle  ist,  nehme
ich  den  Schützen  aus  dem  Kasten  und  setze  einen  andern  ein,
das  geht  so  den  ganzen  Tag,  jahraus,  jahrein.  Dann  passe  ich  auf,
ob  kein  Faden  reißt.  Jeder  Faden  muß  einzeln  eingezogen  werden,
sonst  wird  die  Ware  schlecht,  und  ich  bekomme  die  Fehler  vom
Lohn  abgezogen.  Ich  verarbeite  ein  so  furchtbar  schlechtes  Material. ­
  Von  Wolle  ist  gar  keine  große  Rede.  Manchmal  fünf
Pfund  Wolle  auf  hundert  Pfund.  Hier  werden  Lumpen  aus  allen
Erdteilen  verarbeitet,  in  einer  Maschine,  die  Wolf  heißt,  da  wird
der  Dreck  hineingesteckt.  Die  ganze  Weberei  ist  eintönig  Und
nerventötend.  Mein  Stuhl  macht  die  Minute  g2  Touren.  Das
klappert  und  wackelt  den  ganzen  Tag.“  Dieser  geistigen  Öde
bei  der  Verrichtung  rein  mechanischer  Handgriffe  versucht  der
Weber  oftmals  zu  entfliehen,  weil  ihn  ein  suggestives  Muß  dazu
zwingt.  Besonders  interessante  Beobachtungen  boten  die  Konduitenlisten
  einiger  Webereien.  Bloß  um  gelegentlich  ein  wenig
frische  Luft  zu  atmen,  hatte  ein  sonst  tüchtiger  Weber  innerhalb
einer  dreißigjährigen  Tätigkeit  in  derselben  Fabrik  sich  nicht
*  Karl  Lamprecht,  Zur  jüngsten  deutschen  Vergangenheit,  Freiburgi.B.,  1903.
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