Volke auserwählt. Das Kabinett ist eine Einrichtung parlamentari
scher Bequemlichkeit, seine Mitglieder werden vom Parlamente be
zeichnet, aber vom Ministerpräsidenten ernannt, der letzten Endes für
die Politik der Regierung genau so verantwortlich ist, wie für die Taten
seiner Partei. Das Kabinett steht ihm als eine Art beratender Aus
schuß bei der Durchführung der Parteipolitik zur Seite.
Die kollektive Verantwortlichkeit des Ministeriums ist nicht allein
für ein System der Regierung durch Parteien nötig, sondern auch für
den organischen Zusammenhang irgendwelcher Regierungspolitik.
Soll der Begriff Gesetzgebung mehr bedeuten als eine Reihe Parla
mentsakte, die nur durch die zufällige Tatsache miteinander verbun
den sind, daß sie das Haus in demselben Jahre oder unter derselben
Regierung passiert haben; soll das Werk einer Regierung die folge
rechte Verwirklichung einer schöpferischen Idee oder eines positiven
Zweckes in mannigfachen Formen und Richtungen sein, so muß das
Kabinett die kollektive Verantwortung tragen, weil die Tätigkeit eines
j eden Ministers nur einen Teil der Arbeit aller bildet. Das Ministerium ist
kein Diskussionsausschuß, sondern eher ein Direktorium, eine leitende
Behörde. Seine kollektive Verantwortung fließt aus der Tatsache, daß
alle die verschiedenen Regierungsressorts in demselben Geiste verwal
tet werden, daß die Regierung eine Einheit und ihre Politik ein ge
schlossenes Ganze ist. Das Tadelsvotum für einen Minister erstreckt
sich deshalb auf das ganze Ministerium 1 . Die individuelle Verantwort
lichkeit der Minister verneint die sozialistische Anschauung, daß sich
der soziale Fortschritt organisch vollzieht und die Bewegung eines
Ganzen, nicht aber die Veränderung von Teilen ist. Soweit Sozialisten
jener Ansicht zuneigen, die sich nach meinem Ermessen mehr mit dem
philosophischen Individualismus deckt, läßt es sich dadurch erklären,
daß sie die Methoden der Verwaltung mit denen der Gesetzgebung ver
wechseln.
Auf dieselbe Weise verschwindet bei genauer Betrachtung die schein
bare Ungereimtheit, daß ein Minister das eine Jahr dem Unterrichts
wesen vorsteht, um dieses Amt das nächste Jahr mit dem Portefeuille
1 Man hört sehr oft, daß die Demission des Rosebery-Ministeriums, die auf die
feindliche Abstimmung über den Vorrat an Cordite-Pulver folgte, ungerechtfer
tigt war. Aber wenn der Corditevorrat, den Sir Henry Campell-Bannerman für
genügend hielt, durch die Politik der Regierung in Europa bestimmt war, so invol
vierte das Tadelsvotum den Minister des Auswärtigen ebenso sehr, als den Kriegs
minister, und den Chef des Ministeriums noch mehr, als die anderen beiden.
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