Full text : Sozialismus und Regierung

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Wir  können  uns  mit  der  Antwort  bescheiden,  daß  die  zwischen  Individuum ­
  und  Gemeinschaft  bestehende  wechselseitige  Abhängigkeit,
deren  axiomatische  Bedeutung  heute  in  jeder  fruchtbringenden
Diskussion  der  politischen  Soziologie  anerkannt  werden  sollte,  alle
jene  Argumente  entwertet,  die  sich  auf  Vorstellungen  berufen,  wie  sie
in  der  Formel:  Individuum  versus  Staat  enthalten  sind.  Recht,
sozialer  Zwang  und  öffentliche  Meinung,  die  die  Erfahrungen  der
Gesellschaft  und  des  modernen  Individuums  widerspiegeln  und  den
geschichtlichen  Zusammenhang  der  Gesellschaft  wahren,  gleichzeitig
aber  geschmeidig  genug  sind,  den  individuellen  und  kollektiven
Vernunftkräften  den  für  den  Fortschritt  nötigen  Spielraum  einzuräumen, ­
  schaffen  die  Lebensbedingungen,  unter  denen  sich  der  reale
einzelne  Wille  von  den  Einfällen,  dem  vorübergehenden  Wollen  oder
dem  zerstörenden  Selbst  seiner  Träger  befreit.  Ich  betrachte  die
Gesellschaft  als  einen  Organismus,  der  in  einigen  Teilen  versteinert  ist,
aber  in  anderen  seiner  Glieder  die  sprühendste  Lebendigkeit  bekundet,
der  die  Gebräuche  und  Einrichtungen  der  Vergangenheit  zwar  erhält,
doch  auch  den  schöpferischen  Zukunftsmächten  seinen  Gruß  entbietet ­
  und  ihnen  den  Eintritt  nicht  verweigert.  Der  Individualwille
erscheint  mir  als  eine  persönliche  innere  Macht,  die,  wie  die  Kompaßnadel, ­
  von  dem  magnetischen  Pole  des  Allgemeinwillens  geleitet  wird,
]edoch  in  ihren  Bemühungen  um  die  Sicherung  größerer  Freiheit
nnd  höherer  Vollkommenheit  von  den  Gegenströmungen  der  Unwissenheit ­
  und  des  kurzsichtigen  Eigennutzes  beständig  gehemmt
und  abgelenkt  wird.  Mögen  immerhin  der  tatsächliche  und  der  ausgedrückte ­
  Wille  miteinander  hadern,  wenn  das  soziale  oder  das  moralische ­
  Selbst  zeitweilig  zum  Schweigen  gebracht  wird,  das  letzte  Wort
spricht  stets  die  wirkliche  Persönlichkeit,  die  im  Hintergründe  bleibt.
Dieser  Unterschied  zwischen  dem  tatsächlichen  und  dem  verkündigten ­
  Willen  des  Individuums  spielt  in  der  Politik  die  wichtigste
Rolle,  erst  er  vermittelt  das  Verständnis  für  manche  anscheinende
Inkongruenz  zwischen  demokratischer  Theorie  und  Praxis.  Diese
Nichtübereinstimmung  zu  erkennen,  ist  gerade  die  Aufgabe  des  Staatsmannes, ­
  der  weiß,  wie  weit  sich  mitgeteilte  und  wirkliche  Wünsche
decken,  der  den  Herzensgedanken  des  Volkes,  die  es  nicht  auf  den
Lippen  trägt,  einen  beredten  Mund  zu  leihen  versteht  und  der
ohne  Mandat,  ja  selbst  gegen  erteilte  Aufträge,  die  wirklichen
            
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