150
Erstes Buch. Die Begründer.
Pflichten gerecht werden können: nämlich der Pflicht, die dem
Geschlechtstriebe und dem Bedürfnis nach Liebe die uneingeschränkte
Freiheit verbürgen muß, wie sie die physiologischen und psychologischen
Gesetze des Menschen fordern; und der anderen, die vorschreibt, daß
eine so grundwichtige Handlung, wie die der Fortpflanzung, nicht
dem Zufall überlassen werden soll, und daß keinem Weibe eine so
aufreibende Last, wie die der Mutterschaft, ohne ihr freiwilliges und
vorüberlegtes Wollen auferlegt werden darf. Im Gegensatz zu der
Lehre des Meisters erklären die Neomalthusianer die „moralische
Enthaltsamkeit“ für durchaus unmoralisch; weil sie antiphysiologisch,
durch christlichen Asketismus verseucht und schlimmer sei, als das
Übel, das sie heilen soll. Denn, sagen sie, die Entziehung der Be
friedigung des Geschlechtstriebes ist eine größere Qual, als die Ent
ziehung der Nahrung. Weiterhin wirkt sie durch die Vorschrift eines
obligatorischen Zölibats oder einer späten Heirat aut die Ausbreitung
der Prostitution, der Unzuchtsverbrechen, der unnatürlichen Laster
und der illegitimen Geburten hin. Die Neomalthusianer geben sich
jedoch als die Schüler Malthus’ aus und behalten seinen Namen bei J ),
weil sie ihm dafür dankbar sind, nachgewiesen zu haben, daß der
blinde Fortpflanzungstrieb notwendigerweise eine Menschheit erzeugt,
die der Krankheit, dem Elend, einem frühen Tode und sogar dem
Laster verfallen ist, und daß infolgedessen das einzige Mittel, diesen
beklagenswerten Ausgang zu verhindern, in der Regelung dieses In
stinktes liegt.
Die Annahme ist aber berechtigt, daß Malthus, wenn er heute
auferstände, nicht Neomalthusianer sein würde. Am wenigsten
würde er seinen Schülern verzeihen, den Präventivverkehr weniger
zur Bekämpfung der Gefahren einer Überbevölkerung anzuwenden,
als um Ausschweifungen zu begünstigen und den Geschlechtstrieb
von Verpflichtungen zu befreien, die die Natur mit ihm so eng ver
bunden hat. Man muß aber trotzdem zugeben, daß er ihnen durch
die Zugeständnisse, von denen wir schon gesprochen haben, den Weg-
geebnet hat.
Ebensowenig scheint Malthus einen der leidigsten Punkte seiner
Lehre gefühlt zu haben, einen Punkt, der am stärksten dazu bei
getragen hat, sie zu diskreditieren: die Pflicht der Ehelosigkeit
nämlich, die nicht von der der Keuschheit zu trennen ist, die Ent-
’) Das Datum des Entstehens des Neomalthusianismus kann man auf das Buch
des kürzlich verstorbenen (1E09) Dr. Deysdale (Elements of social Science,
1854) zurtiokführen. Aber erst im Jahre 1877 wurde in England die Malthusian
League gegründet. In den letzten Jahren hat die Bewegung so ziemlich überall
— besonders aber in Frankreich, wo sie wirklich überflüssig ist — eine unerwartete
Verbreitung gefunden.