Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Pflichten  gerecht  werden  können:  nämlich  der  Pflicht,  die  dem
Geschlechtstriebe  und  dem  Bedürfnis  nach  Liebe  die  uneingeschränkte
Freiheit  verbürgen  muß,  wie  sie  die  physiologischen  und  psychologischen
Gesetze  des  Menschen  fordern;  und  der  anderen,  die  vorschreibt,  daß
eine  so  grundwichtige  Handlung,  wie  die  der  Fortpflanzung,  nicht
dem  Zufall  überlassen  werden  soll,  und  daß  keinem  Weibe  eine  so
aufreibende  Last,  wie  die  der  Mutterschaft,  ohne  ihr  freiwilliges  und
vorüberlegtes  Wollen  auferlegt  werden  darf.  Im  Gegensatz  zu  der
Lehre  des  Meisters  erklären  die  Neomalthusianer  die  „moralische
Enthaltsamkeit“  für  durchaus  unmoralisch;  weil  sie  antiphysiologisch,
durch  christlichen  Asketismus  verseucht  und  schlimmer  sei,  als  das
Übel,  das  sie  heilen  soll.  Denn,  sagen  sie,  die  Entziehung  der  Befriedigung ­
  des  Geschlechtstriebes  ist  eine  größere  Qual,  als  die  Entziehung ­
  der  Nahrung.  Weiterhin  wirkt  sie  durch  die  Vorschrift  eines
obligatorischen  Zölibats  oder  einer  späten  Heirat  aut  die  Ausbreitung
der  Prostitution,  der  Unzuchtsverbrechen,  der  unnatürlichen  Laster
und  der  illegitimen  Geburten  hin.  Die  Neomalthusianer  geben  sich
jedoch  als  die  Schüler  Malthus’  aus  und  behalten  seinen  Namen  bei J ),
weil  sie  ihm  dafür  dankbar  sind,  nachgewiesen  zu  haben,  daß  der
blinde  Fortpflanzungstrieb  notwendigerweise  eine  Menschheit  erzeugt,
die  der  Krankheit,  dem  Elend,  einem  frühen  Tode  und  sogar  dem
Laster  verfallen  ist,  und  daß  infolgedessen  das  einzige  Mittel,  diesen
beklagenswerten  Ausgang  zu  verhindern,  in  der  Regelung  dieses  Instinktes ­
  liegt.
Die  Annahme  ist  aber  berechtigt,  daß  Malthus,  wenn  er  heute
auferstände,  nicht  Neomalthusianer  sein  würde.  Am  wenigsten
würde  er  seinen  Schülern  verzeihen,  den  Präventivverkehr  weniger
zur  Bekämpfung  der  Gefahren  einer  Überbevölkerung  anzuwenden,
als  um  Ausschweifungen  zu  begünstigen  und  den  Geschlechtstrieb
von  Verpflichtungen  zu  befreien,  die  die  Natur  mit  ihm  so  eng  verbunden ­
  hat.  Man  muß  aber  trotzdem  zugeben,  daß  er  ihnen  durch
die  Zugeständnisse,  von  denen  wir  schon  gesprochen  haben,  den  Weggeebnet
  hat.
Ebensowenig  scheint  Malthus  einen  der  leidigsten  Punkte  seiner
Lehre  gefühlt  zu  haben,  einen  Punkt,  der  am  stärksten  dazu  beigetragen ­
  hat,  sie  zu  diskreditieren:  die  Pflicht  der  Ehelosigkeit
nämlich,  die  nicht  von  der  der  Keuschheit  zu  trennen  ist,  die  Ent-’)

  Das  Datum  des  Entstehens  des  Neomalthusianismus  kann  man  auf  das  Buch
des  kürzlich  verstorbenen  (1E09)  Dr.  Deysdale  (Elements  of  social  Science,
1854)  zurtiokführen.  Aber  erst  im  Jahre  1877  wurde  in  England  die  Malthusian
League  gegründet.  In  den  letzten  Jahren  hat  die  Bewegung  so  ziemlich  überall
—  besonders  aber  in  Frankreich,  wo  sie  wirklich  überflüssig  ist  —  eine  unerwartete
Verbreitung  gefunden.
            
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