Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

167

Diese  große  Theorie  Ricaedo’s,  die  beim  ersten  Anblick  selbstverständlich ­
  erscheint,  beruht  jedoch  auf  einer  gewissen  Anzahl  Ppstulate,
  die  näher  ins  Auge  gefaßt  werden  müssen.  Die  einen  können
als  endgültige  wissenschaftliche  Wahrheiten  anerkannt  werden,  die
anderen  nicht.
1.  Zunächst  setzt  diese  Theorie  voraus,  daß  die  Erzeugnisse  ungleich ­
  fruchtbarer  Felder,  obschon  sie  ungleiche  Arbeitsmengen  darstellen, ­
  sich  stets  zum  gleichen  Preise  verkaufen,  stets  den  gleichen
Tauschwert  haben.  Ist  nun  diese  Prämisse,  die  wir  provisorisch
ohne  Untersuchung  angenommen  haben,  wirklich  unanfechtbar?  Gewiß,
wenn  man  annimmt,  daß  es  sich  um  Produkte  gleicher  Art  und
gleicher  Qualität,  wie  das  Getreide,  handelt.  Wenn  die  auf  demselben ­
  Markte  angebotenen  Waren  so  gleichartig  sind,  daß  es  dem
Käufer  gleichgültig  sein  kann,  welche  er  erwirbt,  so  wird  er  keinesfalls ­
  die  einen  teurer  als  die  anderen  bezahlen.  Stanley  Jevons  hat
dieses  Gesetz  später  das  „Gesetz  der  Indifferenz“  genannt 1 ).
2.  Weiterhin  wird  angenommen,  daß  dieser  für  alle  gleichen
Produkte  gleiche  Tauschwert  von  der  maximalen  Arbeitsleistung ­
  bestimmt  wird,  d.  h.  von  der  Arbeit,  die  für  die  Erzeugung ­
  desjenigen  dieser  Produkte  notwendig  ist,  das  am  meisten
Arbeitskosten  verursacht  hat.
Dies  bringt  uns  zur*  Werttheorie  Ricardo’s.  Wie  man  weiß,  erschien ­
  ihm‘der  Wert  jeder  Sache  von  der  zu  ihrer  Erzeugung  notwendigen ­
  Arbeit  bestimmt 2 ).*  Schon  Adam  Smith  hatte  gesagt,  daß

‘)  Der  Euhm  dieser  für  das  Verständnis  des  Tauschwertes  so  bedeutsamen  Entdeckung ­
  kommt  aber  nicht  einzig  Eicardo  zu,  denn  schon  40  Jahre  vor  ihm  hatte
ein  einfacher  schottischer  Landwirt,  Anderson  —  (der  allerdings  höchstwahrscheinlich
in  völlige  Vergessenheit  geraten  wäre,  wenn  man  ihn  nicht  als  Vorläufer  Eicahdo’s
ausgegraben  hätte)  —  diese  Tatsache  bemerkt,  und  in  seinem  Buch:  Observations
on  the  means  of  exoiting  a  spirit  of  National  Industry  (1777)  sehr  gut
ausgeführt:  „Der  Landwirt,  der  die  fruchtbarsten  Felder  bewirtschaftet,  kann  sein
Getreide  zu  einem  geringeren  Preis  auf  den  Markt  bringen  als  andere,  die  weniger
ertragreiche  Felder  bewirtschaften  ...  Er  ist  aber  in  der  Lage  sein  Getreide ­
  zum  gleichen  Preis  auf  dem  Markt  zu  verkaufen,  wie  die,  die
geringeren  Boden  bearbeiten.  .  .  Folglich  ist  es  bedeutend  vorteilhafter,
fruchtbare  Felder  zu  bewirtschaften;  da  aber  dieser  Gewinn  im  Maßstab,  wie  mau
in  der  Eeihenfolge  der  weniger  ertragreichen  Felder  herabsteigt,  immer  geringer  wird,
muß  man  endlich  an  einen  Punkt  kommen,  wo  die  zur  Bewirtschaftung  eines
solchen  geringwertigeren  Feldes  nötigen  Kostenaufwendungen
dem  Gesamtertrag  gleich  sind“  (von  Stanley  Jevons  in  seiner  Theory  of
Political  Economy  S.  229  angeführt).  Ricardo  scheint  hiervon  keine  Kenntnis
gehabt  zu  haben;  wenigstens  erwähnt  er  ihn  nicht.  Nur  Malthus  und  West  erkennt
er  die  Priorität  dieses  Gedankens  zu.
2 ),  „Ich  sehe  die  Arbeit  als  die  Quelle  allen  Wertes  an,  und  ihre  relativen  Mengen
als  Maßstab,  der  fast  ausschließlich  den  relativen  Wert  der  Waren  bestimmt.“
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.