Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Schon  vor'Loed  Shaexesbüey  eröffhete  er  den  Feldzug  für  die''
Beschränkung  der  Kinderarbeit  in  den  Fabriken  und  trug  viel  zu
dem  Gesetz  von  1819  bei,  das  das  Minimalalter  der  arbeitenden
Kinder  auf  9  Jahre  festsetzte.  Er  hatte  10  Jahre  verlangt.
Auch  hier  abgewiesen,  verzweifelt  er  an  der  Kraft  der  beiden
Mächte,  der  Arbeitgeber  und  des  Staates,  dem  gesellschaftlichen  Fortschritt ­
  zu  dienen,  und  wendet  sich  an  die  dritte  Macht:  die  Genossenschaft. ­
  Sie  sollte  das  neue  Milieu  schaffen,  ohne  das  die  soziale
Frage  unmöglich  gelöst  werden  kann.

§  1.  Die  Schaffung  des  sozialen  Milieus.
Denn  das  ist  die  Grundidee  Owen’s,  die  ihn  in  allen  seinen  verschiedenen ­
  sozialen  Versuchen  geleitet  hat,  die  Schaffung  eines
sozialen  Milieus:  dies  und  stets  nur  dies  erhoffte  er  zunächst
von  den  Arbeitgebern,  dann  vom  Staate  und  zum  Schluß  von  der
Kooperation.
Man  kann  sagen,  daß  hierin  Owen  der  Vater  dessen  war,  was
die  Soziologen  heute  mit  dem  Wort  Ätiologie  bezeichnen,  nämlich
die  Anpassung  und  Unterordnung  des  Menschen  an  seine  Umgebung.
Seine  Theorie  ist  in  der  wirtschaftlichen  Lehre  ungefähr  das,  was
die  Lamaeck’s  in  der  Biologie  ist:  die  Umformung  des  Organismus
durch  den  Einfluß  der  Umwelt  auf  die  Organe.  Von  Natur  ist  der
Mensch  weder  gut  noch  böse,  er  ist  das,  wozu  ihn  ,seine  Umwelt  gemacht ­
  hat.  Wenn  heute  der  Mensch  böse  ist,  so  beruht  das  darauf,
daß  die  wirtschaftliche  und  soziale  Ordnung  verabscheuungswürdig
ist.  Man  muß  aber  darauf  hinweisen,  daß  Owen  der  natürlichen  Umwelt ­
  keine  Bedeutung  irgendwelcher  Art  beigelegt  zu  haben  scheint,
die  doch  für  ändere  Schulen,  wie  die  Le  Play’s,  eine  wesentliche
Bedingung  darstellt.  Er  sieht  nur  das  soziale  Milieu,  so  wie  es  von
der  Erziehung  oder  Gesetzgebung  oder  der  bewußten  Tätigkeit  der
Einzelpersonen  geschaffen  ist. 1 )  Wenn  wir  die  Umwelt  ändern,  so
ändern  wir  auch  den  Menschen.  Owen  scheint  sich  aber  nicht  um
die  „petitio  principii“  gekümmert  zu  haben,  die  dieser  Gedankenreihe
zugrunde  liegt;  denn,  wenn  der  Mensch  das  Produkt  seines  Milieus
1  ist,  so  versteht  man  kaum,  wie  er  dieses  Milieu  ändern  kann.  Es
würde,  um  ein  gebräuchliches  Bild  zu  gebrauchen,  dasselbe  sein,  als
*)  In  dem  System  Owen's  nimmt  die  Erziehung  einen  außerordentlich  großen
Platz  ein.  Auf  Grund  seiner  philosophischen  Lehre  mußte  sie  auch  allmächtig  sein.
Durch  die  Erziehung  erzieht  man  den  Menschen,  den  man  will,  ebenso  wie  man
Stiefel  oder  Hüte  macht.  Es  würde  ganz  interessant  sein,  diese  Gedanken  mit  denen,
die  Rousseau  in  seinem  Emile  dargelegt  hat,  zu  vergleichen,  doch  würde  uns  dies
za  weit  von  unserem  Gegenstand  entfernen.
            
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