Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel II. Die Theorie der Bodenrente und ihre Anwendungen. 627 
neuesten Volkswirtschaftlern nicht vollständig durch gedrungen. Die 
meisten der zeitgenössischen Schriftsteller erkennen ohne weiteres in 
dem Profit eine Form der Rente an, die teilweise auf den persön 
lichen Eigenschaften des Unternehmers beruht, doch lehnen sie es 
ab, hierin den einzigen Bestandteil des Profits zu sehen 1 ). Bald 
entdecken sie in ihm, wie Maeshall * 2 3 ), noch einen anderen Teil, 
der eine Versicherungsprämie gegen das Risiko darstellt und einen 
dritten, der bestimmt ist, die zur geistigen Bildung des Unter 
nehmers notwendigen Auslagen wiederzuerstatten :1 j. Bald verwerfen 
sie mit Waleas diese beiden letzten Bestandteile und nehmen an, 
daß im statischen Zustand (nämlich im Zustand des vollkommenen 
Gleichgewichts der Produktion) der Unternehmer weder Gewinn noch 
Verlust hat. Die Quelle des Profits kann daher nur in den „dynami 
schen“ Renten liegen, nämlich in denen, die sich aus der beständigen 
Verschiebung des Gleichgewichts in einer fortschreitenden Gesell 
schaft ergeben. Nur sind diese dynamischen Renten äußerst ver 
schieden und hängen nicht alle von der persönlichen Qualifikation 
des Unternehmers ab. 
Andere, wie Claek 4 ), stimmen mit Waluas überein, daß der Profit 
aus Renten besteht. Doch erkennen sie neben den dynamischen 
Renten die Existenz von Renten sogar im statischen Zustand an. Die 
für Waleas notwendige Hypothese eines gleichen Gestehungspreises 
für alle Unternehmungen verwerfen sie als zu weit von der Wirk 
lichkeit entfernt. Für sie erzielt nur der am wenigsten begünstigte 
Unternehmer (oder, wie die Engländer sagen, der Grenzunternehmer, 
>) Pantalboni (Economia pura, Teil III, Kap. IV) scheint uns der einzige 
Schriftsteller zu sein, der fast ohne Einschränkung die Theorie Walkbr’s annimmt. 
2 ) Man findet seine Kritik Wai.kbr’s in dem Quarterly Journal of Eco 
nomics, 1887, S. 479 und in seinen Principles, 4. Ausg., 8. 705, Anm. Marshall 
bleibt übrigens dabei, in Übereinstimmung mit der englischen Überlieferung, den 
Kapitalzins der dem Unternehmer persönlich gehörenden Kapitalien in den Profit 
einzusohließen. 
3 ) Auch diese Unterscheidung wird von Pantalboni gemacht : „Der Profit“, sagt 
er, „kann auf einer höheren Geschicklichkeit beruhen, die auf Grund eines eingehenden 
Studiums oder einer langen Vorbereitung erworben worden ist. In diesem Fall haben 
wir es weniger mit einer Bentenart, als mit einem charakteristischen Profit zu tun, 
der sehr ergiebig sein kann, aber einem ganz verschiedenen Gesetze unterliegt, als 
dem, das im allgemeinen die Anlage von Kapitalien regelt“ (Economia Pura, 
Teil III, Kap. IV). Dagegen lehnt es Pantalboni ab, im Profit eine Versicherungs 
prämie gegen Risiken zu sehen, weil, wie er sagt, wenn die Prämie richtig berechnet 
ist, d. h. in genauer Proportion mit dem Risiko, „sie im Durchschnitt nach Verlauf 
einer gewissen Anzahl von Jahren, ihr gleich sein muß, so daß die Nettorente gleich 
Null wird“ (ebd.). 
4 ) Vgl. Clark, Distribution of wealth (1899) und Essentials of 
seonomic theory (1908), 8. 156. 
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