Kapitel II, Die Theorie der Bodenrente und ihre Anwendungen, 635.
viel von seiner wirtschaftlichen Bedeutung, und die Theorie Eicardo’s,
die sich darauf stützt, erscheint stark bedroht. Nachdem sie mehr
als irgendeine andere die volkswirtschaftliche Polemik angefacht
hatte, scheint diese Theorie nahe daran zu sein, mit der klassischen
■Werttheorie unter die Doktrinen eingereiht zu werden, mit denen
sich wohl der Historiker noch beschäftigt, von denen aber der Volks-
Wirtschaftler keinen Gebrauch mehr macht 1 ).
§ 2. Der Begriff des „unearned increment’s“ und die
Wegsteuerung der Rente.
Ricardo scheint nicht geahnt zu haben, mit wie großen Gefahren
seine Rententheorie das Grundeigentum bedrohte. Es genügte ihm, aus
ihr Argumente gegen die Getreidezölle zu ziehen. Er gibt sich ebenso
wenig damit ab, das Einkommen aus Boden, wie das aus Kapital zu
rechtfertigen. Beide erscheinen ihm als untrennbar vom Eigentum.
Aber andere Schriftsteller waren anspruchsvoller. Trotz aller
gegenteiligen Beweise, die die Wirklichkeit liefert, ist es eine tief
in den Gemütern wurzelnde moralische Idee, daß alles Einkommen
sich durch eine persönliche Anstrengung des Nutznießers rechtfertigen
muß. Die Bodenrente nun, so wie sie in der Theorie Eicaedo’s er
scheint, ist vor allen anderen ein Einkommen ohne Arbeit, ein nicht
erworbenes Einkommen, ein „unearned increment“. Daher ist die
*) Wenn es der Baum gestattete, würde hier der Platz sein, auf die letzte
Erscheinungsform einzugehen die die Idee der Rente in dem Werke des amerika
nischen Volkswirtschaftlers Clark, Distribution of wealth (1899) angenommen
hat. In diesem Buche, dessen Verfasser einen berechtigen Ruf genießt, werden
nacheinander alle Einkommen als Renten hingestellt. Und in der Tat, wenn wir
das Kapital einer Gesellschaft als gegeben annehmen und aufeinanderfolgende und
immer zahlreichere Dosen Arbeit hinzufügen, so wird eine jede neue Dosis Arbeit
etwas weniger als die vorhergehende produzieren. Die Produktivität der letzten
Dosis regelt jedoch die Entlohnung aller vorhergehenden, und es wird sich daher
ein Überschuß an erzeugtem Wert heraussteilen, der die Produktivität des Kapitals
darstellt und durchaus einer Rente gleich sein wird. — Nehmen wir nun im Gegen
teil die Arbeitsmenge als gegeben an, und fügen wir aufeinander folgende Dosen
Kapital hinzu: diese werden ihrerseits eine sinkende Produktivität zeigen, und da
die Entlohnung einer jeder Dosis gleich der Produktivität der letzten zugefügten
Dosis ist — so wird der ganze Überfluß als eine der Arbeit zustehende Rente an
zusehen sein. Und so fort. Das Buch enthält höchst geistreiche Konstruktionen, die
sich aber nicht in einer Anmerkung behandeln lassen. Unserer Meinung nach wird
die Theorie des wirtschaftlichen Gleichgewichts den Tatsachen der Güterverteilung
auf einfachere Weise gerecht, und der gewisse Optimismus, zu dem die Theorie
Clahk’s gelangt, scheint uns nicht genügend gerechtfertigt. Seine Bemühung, die
Idee der Randproduktivität und die des sinkenden Bodenertrags zu vereinigen, ist
ein neuer Beweis des andauernden Einflusses, den die Ideen Rioahdo’s auf die
angelsächsischen Volkswirtsohaftler ausüben.