Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

-hunderts,  diesen  den  Anarchisten  und  den  Liberalen  gemeinsamen
Glauben  an  den  „vernunftbegabten  Menschen“.  Bakunix  unterscheidet
; sich  von  den  Physiokraten  nur  durch  seinen  Haß  gegen  den  Despoten,
den  jene  herbeisehnten.
Eine  Gesellschaft  freier,  durchaus  autonomer  Menschen,  von  denen
jeder  nur  sich  selbst  gehorcht,  und  die  sich  alle  in  gleicher  Weise
der  Vernunft  und  der  Wissenschaft  unterwerfen  das  ist  also  das
Ideal,  das  die  Anarchisten  uns  vorschlagen,  ein  Ideal,  dessen  Voraussetzung ­
  der  Umsturz  aller  bestehenden  Autoritäten  ist.  „Weder
Gott,  noch  Herr,“  schließt  Jean  Guave  ,  „nur  seinem  eigenen  Willen
gehorcht  ein  Jeder 1 ).“
§  3.  Die  gegenseitige  Hilfe  und  die  anarchistische
Auffassung  von  der  Gesellschaft.
Auf  den  ersten  Blick  scheint  eine  derartige  Auffassung,  die  die
Individualität  eines  jeden  auf  den  Schild  erhebt,  und  die  vollständige
Selbstherrlichkeit  jedes  Individuums  proklamiert,  die  Gesellschaft  in
ebenso  viele  unabhängige  Persönlichkeiten  zu  atomisieren.  Alle  sozialen
Bande  lösen  sich.  Es  bleiben  weiter  nichts  als  nebeneinander  stehende
Individuen  übrig.  Die  Gesellschaft,  das  „Kollektivwesen“  verschwindet“.
Eine  derartige  Auslegung  des  anarchistischen  Ideals  würde  aber
durchaus  falsch  sein.  Es  gibt  im  Gegenteil  keine  Lehre,  in  der  die
Worte  Solidarität  und  Brüderlichkeit  häufiger  wiederkehren.  Das
individuelle  und  das  soziale  Glück  sind  hier  untrennbar.  Die  Gesellschaft ­
  Hobbes’  und  Stirner’s,  in  der  ein  jeder  Mensch  der  Feind,
der  Tyrann  aller  anderen  ist,  erregt  ihren  Abscheu.  Sie  ist  nur  ein
Abbild  der  heutigen  Gesellschaft.  Der  Mensch  ist  in  ihren  Augen
vor  allen  Dingen  ein  im  höchsten  Maße  soziales  Wesen.  Das  Individuum ­
  und  die  Gesellschaft  sind  zwei  sich  ergänzende  Begriffe,  die
man  sich  nicht  ohne  einander  vorstellen  kann.
Niemand  hat  diesen  sozialen  Charakter  des  Menschen  besser
ausgedrückt,  und  vielleicht  sogar  stärker  empfunden,  als  Bakunin.
Wir  müssen  ihn  nochmals  anführen.  „Beginnen  wir  damit,“  sagt  er,
„ein  für  allemal  das  einzelne  oder  absolute  Individuum  der  Idealisten
aus  dem  Wege  zu  räumen.  Dieses  Individuum  ist  ebenso  eine  Fiktion,
wie  der  Begriff  von  Gott *  2 ).  .  .  .  Die  Gesellschaft  geht  dem  Indir
viduum  voraus  und  überlebt  es,  genau  wie  die  Natur;  wie  die  Natur
ist  sie  ewig,  oder  vielmehr,  von  der  Erde  geboren,  wird  sie  so  lang
dauern,  wie  unsere  Erde  selbst 3 ).  .  .  .  Der  Mensch  wird  nur  zum

*)  La  Societe  future,  S.  303.
2 )  Bakunin,  (Euvres,  Bd.  I,  S.  298.
3 )  Bakunin,  (Euvres,  Bd.  I,  S.  286.
            
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