Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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Es  wäre  also  hier  das  Jahr  1905  mit  dem  Jahr  1899  zu  vergleichen.  Im
letzteren  Jahre  fanden  aber,  wie  an  betreffender  Stelle  bemerkt,  außer  den
Ergänzungswahlen  in  den  älteren  Bezirken,  deren  Mandat  erledigt  war,
Wahlen  in  allen  neugebildeten  Bezirken,  zusammen  21  Wahlen  statt,  während
in  späteren  Jahren  immer  nur  16  Bezirke  Ergänzungswahl  hatten.  Es  müssen
daher,  um  das  Verhältnis  von  1905  zu  1899  richtig  zu  erkennen,  nur  die
16  Bezirke  verglichen  werden,  in  denen  beide  Male  Wahlen  erfolgten.  Für
sie  ergibt  sich  nun  folgende  Gegenüberstellung:
1899  Sozialdemokraten  18  599,  Gegner  15  149
1905  30  681,  „  10  573
Sozialdemokraten  +  12  082,  Gegner  —  4  576
Einem  Rückgang  der  gegnerischen  Stimmen  um  4576  steht  eine  Zunähme
  der  sozialdemokratischen  Stimmen  um  12  082  gegenüber.  Von  55,2
gegen  44,8  ist  nur  allein  in  diesen  sechs  Jahren  das  Verhältnis  der  sozialdemokratischen ­
  Mehrheit  auf  74,3  gegen  25,7  vom  Hundert  gestiegen.  Ein
glänzender  Abschluß.  And  je  weiter  wir  den  Vergleich  nach  rückwärts  fortsetzten, ­
  um  so  Heller  würde  sich  der  Fortschritt  der  Sozialdemokratie
hervorheben.
Wie  viel  Arbeit  bergen  aber  auch  diese  Zahlen!  Immer  mehr  Eifer
wurde  darauf  verwendet,  vor  der  Wahl  keinen  Wähler  ohne  Flugblatt  und
während  der  Wahl  keinen  säumigen  Wähler  ohne  Mahnung  an  seine
Wahlpflicht  zu  lassen.  Daher  wächst  auch  von  Wahl  zu  Wahl  die  Zahl
der  Wahlarbeit  Verrichtenden,  steht  ein  immer  größerer  Prozentsatz  von
Organisierten  und  Organisatoren  hinter  den  Wählern  der  Sozialdemokratie.
Nur  so  war  es  zu  erreichen,  daß  ungeachtet  der  großen  Angunst  des  Wahlsystems ­
  am  Ausgang  unserer  Epoche  die  sozialdemokratische  Fraktion  der
Berliner  Stadtverordnetenversammlung  von  48  Mandaten  der  dritten  Wählerklasse
  nahezu  drei  Viertel,  nämlich  35,  innehatte.  Das  ist  ein  günstigeres
Verhältnis,  als  es  dem  Anteil  der  Partei  an  den  bei  Reichstagswahlen
in  Berlin  abgegebenen  Stimmen  entspricht,  der  im  Jahre  1903  sich  auf218238
von  326780,  also  gerade  auf  zwei  Drittel  belief,  und  fast  genau  so  war  das
Verhältnis  im  Jahre  1907  :  251215  von  insgesamt  379373  Stimmen.  Der
Anterschied  rührt  natürlich  daher,  daß  bei  der  Reichstagswahl  alle  Wähler
ohne  Anterschied  des  Einkommens  in  einer  Klasse,  bei  der  Stadtverordnetenwahl ­
  aber  die  Wohlhabenden  und  Reichen  in  gesonderten  Klassen  wählen.
Das  schafft  der  Sozialdemokratie  in  der  dritten  Klasse  notwendigerweise  eine
günstigere  Position.  Wie  wenig  diese  aber  als  Ausgleich  für  die  Angerechtigkeit
der  Klassenwahl  betrachtet  werden  kann,  zeigt  die  Verteilung  der  Sümmen  bei
der  Reichstagswahl  an.  Würde  die  Stadtvertretung  nach  dem  Reichstagswahlrecht, ­
  das  ja  auch  noch  nicht  völlig  demokratisch  ist,  und  auf  Grund  der
zahlengerechten  Verteilung  der  Mandate  gewählt,  so  müßte  die  Sozialdemokratie ­
  statt  35  nicht  weniger  als  96  Sitze  im  Rathaus  von  Berlin
innehaben.  Selbst  wenn  ihr  alle  Mandate  der  dritten  Abteilung  zugefallen
wären  —  was  aber  bei  der  eigentümlichen  Gliederung  einiger  Wahlbezirke
nicht  zu  erwarten  war  —,  wäre  sie  immer  noch  um  100  Prozent  der
erlangten  Mandate  untervertreten,  das  heißt:  erst  im  Besitz  der  Hälfte
der  Mandate  gewesen,  die  ihr  nach  demokratischem  Recht  hätten  zufallen
müssen.
            
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