Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

377

bestehen,  die  Mitglieder  könnten  sich,  wie  es  im  Erkenntnis  des  Reichsgerichts ­
  hieß,  „gegenseitig  selbst  ausnehmen".  Der  grundsätzlichen  Bedeutung
halber  wurde  die  Berufung  gegen  die  Auflösungserkenntnisse  bis  in  die  höchsten
Instanzen  gebracht,  blieb  aber,  wie  der  zitierte  Spruch  des  Reichsgerichts
gezeigt  hat,  fruchtlos.  Im  November  1895  erfolgte  der  Köllerstreich
gegen  die  sozialdemokratische  Partei,  und  für  eine  Reihe  von  Jahren  war
die  Schaffung  irgendwelcher  öffentlichen  Organisation  für  die  sozialistische
Frauenwelt  Berlins  wieder  von  der  Tagesordnung  abgesetzt.
Das  hieß  indes  durchaus  nicht,  daß  die  Agitation  nun  einschlief.  Sie
erlitt  so  gut  wie  keine  Unterbrechung.  Waren  doch  die  Personen  noch  da,
die  sich  ihr  gewidmet  hatten,  und  weit  entfernt,  sie  einzuschüchtern,  konnten
die  Nadelstiche  der  kleinlichen  Verfolgungen  auf  sie  nur  aufstachelnd  wirken,
zumal  ihnen  ja  die  Presse  weiterhin  zur  Verfügung  stand  und  auch  das
Versammlungsrecht  ihnen  nicht  mehr  genommen  werden  konnte.  Zu
fast  allen  Parteitagen  hatten  die  Berliner  Parteimitglieder  auch  weibliche
Delegierte  entsandt,  und  das  geschah  auch  weiterhin.  Auf  dem  sozialdemokratischen ­
  Parteitag  des  Jahres  1895  sind  die  sozialdemokratischen  Frauen
Berlins  durch  Bertha  Lutz  und  Martha  Rohrlack  vertreten,  1896  und
1897  sind  die  Delegiertinnen  Berlins  Fräulein  Ottilie  Baader,  die  nun
agitatorisch  immer  mehr  in  den  Vordergrund  tritt,  und  Frau  Marie  Greifenberg.
  Der  Parteitag  von  1896,  der  als  einen  besonderen  Punkt  der
Tagesordnung  die  sozialistische  Agitation  unter  den  Frauen  behandelte,
nahm  hierzu  unter  anderen  eine  Resolution  an,  die  den  Genossen  empfahl:
„In  allen  Orten,  wo  es  zu  ermöglichen,  in  öffentlichen  Versammlungen
  die  Wahl  von  weiblichen  Vertrauenspersonen  vorzunehmen. ­
  Die  Aufgabe  dieser  Vertrauenspersonen  ist:  Aufklärung  unter
den  proletarischen  Frauen  in  politischer  und  gewerkschaftlicher  Linsicht,
Erziehung  zum  und  Stärkung  des  Klassenbewußtseins  zu  schaffen  und
eine  diesen  Aufgaben  entsprechende  planmäßige  Agitation  zu  betreiben."
Auf  Grund  dieser  Resolution  ward  von  den  sozialistischen  Frauen
Berlins  im  November  1896  Frau  M.  Wenzels  zur  Vertrauensperson
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.