396 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.
und Bücher steht nicht sehr weit ab von solcher Auffassung. Ich habe hauptsächlich den
Einfluß des Berufs und der Arbeitsteilung zu betonen gesucht. Zu abschließenden
Resultaten kann heute die Wissenschaft noch nicht kommen. Suchen wir den Stand
unserer Erkenntnis objektiv wiederzugeben.
Wir haben oben (S. 189 -158) von den Ursachen der Entstehung von Rassen und
Völkern, von dem Problem der Vererbung der Eigenschaften und deren Abwandlung durch
Variabilität gesprochen, haben gesehen, daß der Typus der Rassen und Völker sich erblich
durch Jahrhunderte hindurch erhalte. Wo Rassen- und Völker durcheinander wohnen und
sich noch nicht durch sehr lange Blutsmischungen ausgeglichen haben, da zeigt uns die
Geschichte aller Zeiten, daß die höheren und die unteren Klassen dem höheren und dem
niedrigeren Rassentypus entsprechen. Freilich meist so, daß die höhere Rasse zugleich
zu bestimmten Berufen (der Priester, Krieger, Händler) hinführte und Eigentums—
gegensätze erzeugte. Es bleiben also auch hier immer Zweifel, was vom Brahmanen
auf seine Rafse, was auf seinen Beruf, was vom westeuropäischen Juden auf sein
Semitentum, was auf seine Handelsthätigkeit, was auf seinen Besitz zurückzuführen sei.
Aber daß Rasse und Volkstum für Jahrhunderte klassenbildend wirken, daß die schroffsten
Klafsengegenfätze darauf zurückgehen, daß diese Einflüsse gleichmäßig durch ungezählte
Generationen hindurch fortdauern, wird kein Unbefangener leugnen. Er wird aber weit
entfernt sein, alle Klassengegensätze allein hieraus erklären zu wollen, weil auch dem
Blute nach einheitliche Voͤlker solche zeigen.
Wenn die Rassen- und älteren Völkertypen durch Spaltung entstanden sind unter
der Einwirkung verschiedenen Klimas, verschiedener Ernährung, verschiedener Lebens- und
Arbeitsweise, wenn neue Völkertypen innerhalb der Rassen teils durch die gleichen Ein—
flüsse, teils durch fortgesetzte Blutsmischung innerhalb bestimmter abgesonderter Gruppen
und durch eine nach bestimmter Richtung sich gleichmäßig fortsetzende Variabilität (d. h.
kleine Abweichungen je der folgenden von der älteren Generation) entstanden, so werden
wir schließen können, daß die Berufs- und Arbeitsteilung innerhalb der Völker zwar
in abgeschwächter, aber doch analoger Weise verschiedene erblich sich fortfetzende Spiel—
arten des Volkscharakters unter bestimmten Bedingungen schaffe. Man wird dabei be—⸗
tonen, daß die Einwirkung verschiedenen Klimas nur beschränkt, durch den Gegensatz
von Gebirge und Ebene, durch verschiedene Landesteile in Betracht komme; auch daß
dem Gegensatz der Lebens- und Arbeitsweise andere nivellierende Einflüsse bis auf einen
gewissen Grad entgegenwirken können: so die Blutsmischung, wie sie da und dort
zwischen verschiedenen Klassen stattfindet, so die sonstigen Berührungen und Nachahmungen
und die einheitlichen geistigen Einflüfsfe, soweit sie vorhanden sind. Aber diese Ursachen
können fehlen oder sehr schwach sein; sie werden jedenfalls die Thatsache nicht aufheben,
daß mit der zunehmenden Berufs- und Arbeitsteilung zuerst einzelne für bestimmte
Thätigkeiten und Berufe körperlich und geistig Passende sich ihnen zuwenden, daß in
der Regel ihre Söhne diesen Beruf fortsetzen, daß diese überwiegend Weiber aus den—
selben Kreisen heiraten, daß die Lebens- und Arbeitsweise so Körper und Geist der
Individuen und Klassen beeinflusse, Nerven und Muskeln, Gehirn und Knochen der
speciellen Thätigkeit anpasse. Es kommt dazu, daß meist eine bestimmte Art der Er—
nährung, der Erziehung, der Sitten und Gewohnheiten in dem betreffenden Kreise vor—
herrscht und dazu beiträgt, den Typus zu befestigen. Aus diesen teils durch die Aus—
lese der Personen, teils durch lange Anpassung und Vererbung, teils durch Erziehung
und Milieu geschaffenen Zusammenhängen entspringen dann die übereinstimmenden
typischen Klasseneigenschaften. Sie werden sicherlich da und dort ein sehr verschiedenes
Maß von Festigkeit und Vererblichkeit haben, hier einen klar fixierten, dort einen mehr
schwankenden Typus von Personen erzeugen; das muß je nach der Eigentümlichkeit des
Berufes und der Arbeit, je nach Dauer der vererblichen Einflüsse, se nach den mit—
wirkenden sonstigen Bedingungen (der Ernährung, der Erziehung, der Frauenzufuhr
aus anderen Bezirken und Berufen ꝛc.) verschieden sein. Aber nur Unkenntnis kann
leugnen, daß der Hirtenstab und der Pflug, das Schwert und der Hammer, die Spindel
und der Wehstuhl, die Nadel und der Hobel nicht nur zeitlebens, sondern durch Gene—