Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel III. Die Pessimisten. 
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Diese große Theorie Ricaedo’s, die beim ersten Anblick selbst 
verständlich erscheint, beruht jedoch auf einer gewissen Anzahl Ppstu- 
late, die näher ins Auge gefaßt werden müssen. Die einen können 
als endgültige wissenschaftliche Wahrheiten anerkannt werden, die 
anderen nicht. 
1. Zunächst setzt diese Theorie voraus, daß die Erzeugnisse un 
gleich fruchtbarer Felder, obschon sie ungleiche Arbeitsmengen dar 
stellen, sich stets zum gleichen Preise verkaufen, stets den gleichen 
Tauschwert haben. Ist nun diese Prämisse, die wir provisorisch 
ohne Untersuchung angenommen haben, wirklich unanfechtbar? Gewiß, 
wenn man annimmt, daß es sich um Produkte gleicher Art und 
gleicher Qualität, wie das Getreide, handelt. Wenn die auf dem 
selben Markte angebotenen Waren so gleichartig sind, daß es dem 
Käufer gleichgültig sein kann, welche er erwirbt, so wird er keines 
falls die einen teurer als die anderen bezahlen. Stanley Jevons hat 
dieses Gesetz später das „Gesetz der Indifferenz“ genannt 1 ). 
2. Weiterhin wird angenommen, daß dieser für alle gleichen 
Produkte gleiche Tauschwert von der maximalen Arbeits 
leistung bestimmt wird, d. h. von der Arbeit, die für die Erzeu 
gung desjenigen dieser Produkte notwendig ist, das am meisten 
Arbeitskosten verursacht hat. 
Dies bringt uns zur* Werttheorie Ricardo’s. Wie man weiß, er 
schien ihm‘der Wert jeder Sache von der zu ihrer Erzeugung not 
wendigen Arbeit bestimmt 2 ).* Schon Adam Smith hatte gesagt, daß 
‘) Der Euhm dieser für das Verständnis des Tauschwertes so bedeutsamen Ent 
deckung kommt aber nicht einzig Eicardo zu, denn schon 40 Jahre vor ihm hatte 
ein einfacher schottischer Landwirt, Anderson — (der allerdings höchstwahrscheinlich 
in völlige Vergessenheit geraten wäre, wenn man ihn nicht als Vorläufer Eicahdo’s 
ausgegraben hätte) — diese Tatsache bemerkt, und in seinem Buch: Observations 
on the means of exoiting a spirit of National Industry (1777) sehr gut 
ausgeführt: „Der Landwirt, der die fruchtbarsten Felder bewirtschaftet, kann sein 
Getreide zu einem geringeren Preis auf den Markt bringen als andere, die weniger 
ertragreiche Felder bewirtschaften ... Er ist aber in der Lage sein Ge 
treide zum gleichen Preis auf dem Markt zu verkaufen, wie die, die 
geringeren Boden bearbeiten. . . Folglich ist es bedeutend vorteilhafter, 
fruchtbare Felder zu bewirtschaften; da aber dieser Gewinn im Maßstab, wie mau 
in der Eeihenfolge der weniger ertragreichen Felder herabsteigt, immer geringer wird, 
muß man endlich an einen Punkt kommen, wo die zur Bewirtschaftung eines 
solchen geringwertigeren Feldes nötigen Kostenaufwendungen 
dem Gesamtertrag gleich sind“ (von Stanley Jevons in seiner Theory of 
Political Economy S. 229 angeführt). Ricardo scheint hiervon keine Kenntnis 
gehabt zu haben; wenigstens erwähnt er ihn nicht. Nur Malthus und West erkennt 
er die Priorität dieses Gedankens zu. 
2 ), „Ich sehe die Arbeit als die Quelle allen Wertes an, und ihre relativen Mengen 
als Maßstab, der fast ausschließlich den relativen Wert der Waren bestimmt.“
	        
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