Kapitel IV. Die Anarchisten.
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sagt Bakunin, „von denen die erste die Mittel zum Begieren gibt
und die notwendige Basis, wie auch den Zweck einer jeden Regierung
vorstellt, die ihrerseits wieder die Macht der Ausbeutung garantiert
und gesetzlich festlegt, sind die unvermeidlichen Bezeichnungen für
all das, was man Politik nennt 1 ).“ „Die Erfahrung zeigt,“ sagte
schon Peoudhon * 2 ), „daß überall und stets eine jede Regierung, wie
volkstümlich sie auch am Anfang gewesen sei, sich für die aufge
klärtere und reichere Klasse und gegen die ärmere und zahlreichere
Klasse entschieden hat 3 ).“
Welche Ordnung des Eigentums wird nun die Arbeiter von der
Ausbeutung durch die Besitzenden befreien und so die Einrichtung
des Staates unnötig machen? Dies ist eine Frage, über die die Anar
chisten nicht einig sind. Wie man sich erinnern wird, hatte Peoudhon
gehofft ? durch seine Tauschbank das Eigentum in den bloßen Besitz
zu verwandeln. Bakunin im Gegenteil steht unter dem Einfluß der
marxistischen Ideen und tritt für den Kollektivismus ein. Die Arbeits
mittel und der Boden werden von der Gemeinschaft in Besitz ge
nommen ; sie können nur von den Arbeitern benutzt werden, die, in
industriellen oder landwirtschaftlichen Assoziationen vereinigt, gemäß
ihrer Arbeit entlohnt werden 4 * 6 ). Bei Keopotkin jedoch wird das
anarchistische Ideal rein kommunistisch. Die kollektivistische Unter
scheidung zwischen Arbeitsmitteln und Gebrauchsgegenständen scheint
ihm völlig müßig. Sind die Nahrung, die Kleidung, die Feuerung
für den Arbeiter nicht ebensoviele zur Arbeit notwendige Bedingungen,
ja vielleicht in noch höherem Grade, als Werkzeuge und Maschinen?
Wozu daher diese Haarspalterei? Die Gesamtheit der sozialen Hilfs
mittel muß der Gesamtheit der Arbeitenden zur Verfügung stehen 8 ).
Aber der Staat und das Eigentum erschöpfen noch nicht die
Liste der tyrannischen Bedrückungen. Die Freiheit des Individuums
verträgt sich ebensowenig mit unwiderruflichen Gelöbnissen, mit
Versprechungen, die den zukünftigen Willen des Menschen auf Grund
seines heutigen Willens für immer binden, wie mit der Unterwerfung
unter eine außer ihm stehende Autorität. Die heutige Ehe ist der
Typus dieser unwiderruflichen Gelöbnisse. An ihre Stelle muß die
*) Bakunin, (Euvres, Bd. I, S. 324.
2 ) Peoudhon, Idee generale de la Revolution, S. 119.
s ) „Das Gesetz ... ist weiter nichts als ein Instrument zur Aufreehterhaltung
der Ausbeutung und der Herrschaft der reichen Müßiggänger über die arbeitenden
Massen ... Es hat nur eine Aufgabe: die Aufreehterhaltung der Ausbeutung“
(Keopotkin, Paroles d’un Revolte, S. 235).
4 ) Bakunin, Programme de l’alliance internationale de la demo.
cratie socialiste als Anhang zum Sozial-politischen Briefwechsel ab
gedruckt S. 389.
6 ) Keopotkin, Conqu6te du Pain, S. 61—62.