Leistungsfähigkeit, die den Wettkampf auf dem Weltmarkt nicht zu
scheuen hat. Die Wege, die der Störenfried ging, entsprachen also durchaus
dem Zukunftsinteresse des deutschen Wirtschaftslebens. Als seine Werke
ausgebaut waren, vertrat Thyssen den Standpunkt: ich beteilige mich an
keinem Kartell, es sei denn, daß ein allgemeines die gesamte Erzeugung
der Stahlwerke umfassendes Kartell gegründet werde, ein Plan, der sich
bisher noch nicht verwirklichen ließ, weshalb Thyssen auch seine Ab
sicht aufgab.
Das andere Beispiel knüpft an die Ausführungen über die Entstehungen
der reinen Walzwerke an. Ursprünglich verlegten sich die Stahlwerke auf
die Herstellung der schweren Walzeisensorten und verkauften ihre übrigen
Stahlerzeugungen in der Form von Halbzeug an die Walzwerke. Diese
gaben das alte Puddelverfahren auf und. beschränkten sich mehr auf das
Auswalzen der von den Stahlwerken bezogenen Blöcke, Knüppel, Brammen
und Platinen. Von dem Moment an, wo die Stahlwerke dazu übergingen
allgemeiner ihr Halbzeug selbst auszuwalzen, hatten sie auch, ein Interesse
daran, den Preis für Halbzeug nicht so tief sinken zu lassen, daß die reinen
Walzwerke jener Vorteile teilhaftig wurden, die die Stahlwerke sich durch
die Kombination angeeignet hatten. Andererseits waren sie bestrebt, durch
die niedrigen Preise für die mannigfachen Walzprodukte einen möglichst
großen Teil des Bedarfs an sich zu reißen, um ihre Leistungsfähigkeit voll
auszunutzen. Aus diesem Grunde warfen sie sich auch fast ausschließlich
auf die Massenartikel im Walzprogramm der reinen Walzwerke. Daß unter
diesen Umständen die Stahlwerke nicht an Konkurrenzregulierung dachten,
den Kartellen der feineren Walzeisensorten nur geringeres Interesse schenk
ten, ist begreiflich. Damals erscholl laute Klage über das Gebaren der
großen Stahlwerke. Viele Druckerschwärze ist aufgewandt worden, um
das Recht auf Existenz der reinen Walzwerke zu beweisen. Die wirt
schaftliche Überlegenheit der Stahlwerke wollte man nicht anerkennen
und behauptete, diese Überlegenheit beruhe allein darauf, daß sie sich
kraft ihres Verbandes für Roheisen und für ihre Produktion in schweren
Produkten und Halbzeug den Vorteil der Roheisenzölle zunutze machten
zum Nachteil aller Industriezweige, die von ihnen abhängig seien. Man
verlangte ein Eingreifen der Gesetzgebung; die Zollmauer solle erniedrigt
oder völlig abgetragen werden. Minister hielten mit den Leitern der Stahl
werke und reinen Walzwerke Konferenzen ab. Untersuchungen wurden
angestellt, um einen Weg zu finden, den reinen Walzwerken zu helfen.
Wie verkehrt die Angriffe auf die Stahlwerke waren, wie falsch die Zukunft
beurteilt wurde, sehen wir heute. Heute spricht niemand mehr von den
reinen Walzwerken, sie haben sich überlebt, sie passen nicht mehr in den
Rahmen der Produktion, sie konnten auf die Dauer nicht bestehen bleiben.