Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

105.  Bürgerliches  Flugblatt  zur  Mahl  im  23.  Kommunalwahlbezirk

Zur  Stadtverordnetenwabl  im  23.  fiemeindebezirk.
III.  Abteilung
Wähler!  —
Am  6»  November  ist  in  unserm  Bezirk  die  Wahl  eines  Stadtverordneten  in  der  III.  Abteilung  vorzunehmen.
Wieder  habest  die  in  dieser  Klasse  wählenden  Bürger  die  Entscheidung  zu  treffen,  ob  sie  von  einem  Anhänger  der  Sozialdemokratie ­
  oder  von  einem  liberalen,  wirklich  fortschrittlichen  Manne  im  Stadtparlament  vertreten  sein  wollen.
Die  Tätigkeit  der  Sozialdemokratie  in  unserer  Stadtvertretung  ist  bisher  eine  ebenso  unfruchtbare  gewesen  wie
ihre  sonstige  Tätigkeit  in  den  Parlamenten.  Ihre  Praktik  besteht  darin,  alle  liberalen  Forderungen  zu  bekriteln  und  das
ist  ja  sehr  bequem  —  masslos  zu  überbieten.  Andererseits  schreiben  sie  alle  Fortschritte,  die  durch  die  Arbeit  liberale*
Männer  erzielt  worden  sind,  unberechtigterweise  auf  ihr  eigenes  Konto.
Wenn  auch  Prof.  Wagner  im  parteiischen  Stöckerfanatismus  unser  Berlin  die  rückschrittlichste  Stadt  der  Welt
genannt  hat,  so  muss  doch  jeder  Unbefangene,  jeder  der  die  rapide  Entwickelung  Berlins  in  den  letzten  Jahrzehnten  .miterlebt ­
  und  aus  eigener  Anschauung  kennen  gelernt  hat,  zugeben,  daß  tatsächlich  in  Berlin  unter  liberaler  Herrschaft  große
kulturelle  Errungenschaften  erzielt  worden  sind.  D»s  müssen  selbst  die  Sozialdemokraten  zugeben  und
haben  es  auch  bisweilen  zugegeben.  Und  wenn  sie-  das  Erreichte  nur  ihrer  eigenen  Tätigkeit  zuschreiben,  so  ist
das  Unwahre-  dieser  Behauptung  schon  damit  erwiesen,  dass  die  sozialdemokratischen  Stadtverordneten  ja  im  Roten  Hause
nur  eine  kleine  Minderheit  bilden,  die  ohne  die  liberale  Mehrheit  nichts  durchzusetzen  vermag.
Alles  was  bisher  für  das  Wohl  der  Gesamtheit  seitens  der  Stadtvertretung  geleistet  worden  ist  verdanken
wir  der  liberalen  Mehrheit  in  der  Stadtverwaltung.  Wir  gestehen  aber  offen,  daß  wir  mit  dem  Erreichten  noch  lange
nicht  zufrieden  sind.  Auf  allen  Gebieten,  besonders  aber  im  Verkehrswesen,  muß  noch  für  Verbesserungen  und  Reformen
gesorgt  werden.  Gerade  dazu  aber  brauchen  wir  liberale  Stadtverordnete,  die  schaffend  mitarbeiten  und  nicht  wie  die
Singer  und  Genossen  zu  allem  nur  den  Kopf  schütteln  und  damit  jeden  wirklichen  Fortschritt  unmöglich  machen.
Wähler!  -—
Die  Sozialdemokratie  brüstet  sich  stets,  wenn  die  Wahlen  herannahen,  als  die  Vertreterin  der  berechtigten  Interessen ­
  aller  Stände,  ln  ihrem  Parteiprogramm  aber  bekennt  sie  sich  als  einseitigste  Klassenpartei,  und  in  Dresden  net
August  Bebel:  Ich  will  der  Totfeind  der  bürgerlichen  Gesellschaft  sein  so  lange  ich  lebe!  Diese  antinationale  Sozialdemokratie ­
  gilt  LS  zu  bekämpfen.  Dazu  muß  das  gesamte  Bürgertum  sich  zusammenschließen  gegen  den  gemeinsamen ­
  Feind.
Auch  zahlreiche  Arbeiter  haben  bereits  erkannt,  dass  ihr  Heil  nicht  im  Klassenkampte  liegt,  sondern  im  friedlichen
Zusammenarbeiten  aller  Klassen  und  Stände,  die  im  Berufsleben  aufeinander  angewiesen  sind.  Wir  Liberalen  verwerfen
den  einseitigen  Klassenstandpunkt  und  erstreben  eine  Besserung  der  Lage  der  Arbeiter  auf  friedlichem  Wege,  durch  Vereinbarungen ­
  und  langfristige  Tarifverträge  mit  den  Arbeitgebern."  Wir  und  mit  uns  viele  Tausende  Berliner  Arbeiter  haben
eingesehen,  daß  die  fortwährenden  Arbeitskämpfe  auch  die  Arbeiter  aufs  Schwerste  schädigen  und  daß  sie  vor  allem  den
Ruin  bedeuten  für  zahlreiche  kleine  Meister  und  Arbeitgeber,  die  sich  ebenso  sauer  durch  ihrer  Hände  Arbeit  ihr  Brot
verdienen  wie  die  Arbeiter.  Die  Folge  ist  schließlich  nur  die  Stärkung  der  großen  Unternehmer,  während  die  kleinen  zu
Grunde  gehen.  Uhd  auch  die  kleinen  Geschäftsleute  und  Gewerbetreibenden,  deren  Kunden  die  Arbeiter  sind;  werden  durch
die  oft  leichtsinnig  unternommenen  Streiks  in  ihrer  ganzen  Existenz  bedroht.  Das  aber  gerade  ist  es,  was  wir  auf's
schärfste  verurteilen.  W"  Liberalen  wollen  ruhige,  stetige  Arbeitsverhältnisse  schaffen  und  glauben  damit  am  besten
das  Interessse  aller  schaffenden  Stände  wahrzunehmen.
—  Wähler!
Unser  Kandidat,  der
Bauunternehmer  Ewald  Topp
ist  in  weiten  Kreisen  Berlins,  insbesondere  auch  in  unserem  Wahlbezirk,  als  ein  Mann  bekannt,  der  sich  in  zahlreichen
Ehrenämtern  große  Verdienste  um  die  Allgemeinheit  erworben  hat.  Durch  seine  emsige  Mitarbeit  bei  vielen  gemeinnützigen
Veranstaltungen  hat  er  bewiesen,  daß  er  ein  Herz  hat  für  die  Bedürfnisse  der  minderbegüterten  Stände.  Er  ist  ein  Mann  des
Mittelstandes  der  aus  eigener  Kraft  sich  emporgearbeitet  hat  und  daher  aus  eigener  Erfahrung  dje  Wünsche  der  arbeitenden
Stände  kennt.  Unser  Kandidat  wird,  gemäß  dem  Programm  der  Freisinnigen  Volkspartei,  u.  a.  eintreten  für:
Ausbau  der  Selbstverwaltung,  Steifnackigkeit  gegen  die  Uebergriffe  der  staatlichen  Bureaukratie  und  des  ßyzantismus.
Fürsorge  für  alle  Zweige  des  Unterrichtswesens  und  Unabhängigkeit  der  Schule  von  Pfaffentum  und  Klerikalismus.
Stetige  Besserung  der  gesundheitlichen  Verhältnisse,  insbesondere  der  Wohnungsverhältnisse  der  Reichshauptstadt.
Ausbau  der  Verkehrswege  durch  Brückenbauten  über  die  Spree,  Untergrundbahnen  etc.
Wähler!  —-----  —  —
Die  Möglichkeit,  diesen  Bezirk,  der  noch  vor  einigen  Jahren  liberal  gewählt  hat,  der  Sozialdemokratie  wieder
abzuringen,  wird  niemand  bestreiten,  der  weiß,  wieviel  tausende  von  Arbeitern  der.  sozialdemokratischen  Tyrannei  müde
sind.  Gerade  jetzt,  wo  die  Reichsregierung  offen  erklärt  hat  in  liberale  Bahnen  einzulenken,  ist  es  Pflicht  jedes
Liberalen,  auch  wenn  er  bisher  unter  dem  alten  Kurs  entmutigt  beiseite  stand,  wieder  hoffnungsfreudig  von  seinem
Wahlrecht  Gebrauch  zu  machen.  Wenn  am  6.  Novbr.  alle  nichtsozialdemokratischart  Wähler  ihre  Pflicht  und  Schuldig*
keit  tun,  so  ist  die  Wahl  unseres  Kandidaten  sicher.  Wer  einen  Mann  zum  Vertreter  unseres  Bezirks  haben  will,  der  eintritt
für  die  berechtigten  Interessen  aller  Stände,  für  einen  wahrhaften  sozialen  Fortschritt  im  Berliner  Kommunalleben,  der
wähle  am  6.  Cs'ovember  den
Bauunternehmer  Ewald  Topp.
Das  liberale  Wahlkomitä.
            
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