Full text: Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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war, machten sie in ihrer Mehrheit eine Wendung und verlangten nun von 
den Fabrikanten, was sie selbst erst den Arbeitern bestritten hatten. Die 
Doppelnatur ihrer sozialen Position — halb Arbeitgeber, halb Arbeiter — 
brachte es mit sich, daß sie nun — wenn auch nicht auf sehr lange — ihr 
Arbeiter herz entdecken sollten. 
Am gleichen Tage, an dem der Reichstag die Lage der Konfektions 
arbeiter besprach, fanden auf dem Gewerbegericht Konferenzen von dessen Vor 
sitzenden mit Vertretern der beiden LInternehmerkategorien statt. Die Fünfer- 
kommission derArbeiter hatte am 10. Februar gleichzeitig mit derProklamierung 
des Streiks offiziell sich zu Verhandlungen vor dem Gewerbegericht bereit 
erklärt, und nun suchte der Vorsitzende des Gerichts die Unternehmer zu 
bewegen, seine Vermittelung anzunehmen. Wieder lehnten jedoch die Ver 
treter der Damenmäntel-Konfektion jedes materielle Entgegenkommen ab. 
Lohnzugeständnisse könnten höchstens die Zwischenmeister machen, erklärten 
sie. Darauf lud das Gewcrbegericht eine Anzahl Zwischenmeister, die von 
den Fabrikanten als kompetente Beurteiler bezeichnet waren, auf den 
12. Februar zu einer Besprechung ein, die aber fast dasselbe Gesicht zeigte 
wie die Besprechung mit den Fabrikanten. Die Zwischenmeister der Herren 
konfektion sperrten sich weniger gegen Verhandlungen mit dem Arbeiterkomitee, 
als die der Damenkonfektion. Beiläufig kein Wunder, da in der Herren 
konfektion die Arbeiter meist männlichen Geschlechts sind, die Damen 
konfektion aber ganz überwiegend Frauenarbeit ist. Nur die Knaben 
konfektion war gleichfalls zumeist Frauenarbeit. Das Verhältnis von Meister 
und Arbeiter war in den letzten beiden Zweigen ein wesentlich anderes als 
in der Herrenkonfektion. 
Da kam es am Abend des 12. Februar in einer großen Versammlung 
der Zwischenmeister zu einer charakteristischen Wendung. Berichte über die 
Vorgänge im Reichstag, Angaben der Fabrikanten in der Presse, daß sie 
durchaus hinlängliche Arbeitspreise an die Meister zahlten, so daß diese für 
abnorm niedrige Löhne verantwortlich wären, hatten einen Teil der Meister 
äußerst wild gemacht. Ihr Zorn richtete sich nunmehr gegen die Fabrikanten 
und machte sich in heftigen Reden gegen diese Lust, bis schließlich einer 
auftrat und vorschlug, mit den Arbeitern gemeinsame Sache gegen die 
Fabrikanten zu machen. Da die Arbeiter schon streikten, gehörte zu dem 
Entschluß nicht viel, er fand sofort stürmischen Beifall, und es verstärkte die 
Position der Arbeiter moralisch und bis zu einem gewissen Grade auch 
materiell, daß bald gegen 1500 Zwischenmeister mit ihnen als „Streikende" 
den Fabrikanten sich gegenüberstellten. Die Flut stieg. 
Das bezeugten weiterhin fünf Riesen-Volksversammlungen, die am 
Sonntag, den 16. Februar, vormittags, sich mit dem Konfektionsarbeiterstrcik 
und seiner Behandlung im Reichstag befaßten. Ein ungeheurer Menschen 
strom, der sich zu ihnen drängte, hatte die Säle Stunden vor der Eröffnung 
gefüllt. In vieren von ihnen sprachen Mitglieder des Reichstags: Richard 
Fischer, der im Reichstag die Halbheit der bürgerlichen Redner und 
Parteien kraftvoll gegeißelt hatte, Robert Schmidt, Bruno Schoenlank 
und Emanuel Wurm, in der fünften referierte Marie Greifenberg, 
selbst eine Näherin. Der Inhalt ihrer Reden ergab sich von selbst, sie 
gipfelten in Anfeuerungen an die Streikenden, muüg auszuharren, und an 
die übrige Arbeiterschaft und die mit den Arbeitern fühlende Bevölkerung,
	        
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