Full text: Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

430 
Das soll nicht verschwiegen werden. Trotzdem wäre es jedoch sehr 
voreilig, aus dieser Differenz auf eine abnehmende Beliebtheit der Maifeier 
als Fest der Arbeiterklasse zu schließen. Ein so großer Zustrom von Mit 
gliedern, wie ihn die Gewerkschaften seit der Jahrhundertwende zu ver 
zeichnen hatten, braucht eben Zeit, um die Ideenwelt in sich aufzunehmen, 
die den Angeworbenen zum opferbereiten Mitkämpfer im vollen Sinne des 
Wortes macht, und grade in einer Reihe der größten Unternehmungen Berlins 
war die Arbeitsruhe aus den schon entwickelten Gründen nun mit größeren 
Opfern und Gefahren verbunden, als früher. Die absolute Zahl der Teilnehmer 
an der Maifeier ist aber fast ohne Unterbrechung gestiegen. Jahre sehr 
starken Geschäftsdruckcs haben ihre Zunahme gelegentlich verlangsamt, auch 
stellt die Frage der Lokalitäten der vollen Durchführung der Maifeier 
große Schwierigkeiten in den Weg. Masscnumzüge werden von den Be 
hörden am l. Mai nicht geduldet, größere Ausflüge ins Freie im voraus 
zu veranstalten verbietet in dieser Jahreszeit das Klima. Im ganzen fleht 
sich die Arbeiterschaft Berlins daher für ihre Maiveranstaltungcn auf 
Saallokalitäten angewiesen, und diese stehen ihr in so großer Zahl, als nötig 
wäre, den ganzen Kcerbann der Arbeiterbewegung zu fassen, nicht zur Ver 
fügung. Das zeigt sich ja auch bei Veranstaltungen, wie Wahlrechts 
demonstrationen, Proteste gegen Polizeiakte oder Steuerungerechtigkeiten, die 
durch die Unmittelbarkeit ihres Zwecks die Geister besonders lebhaft anregen. 
Stets fehlt es an der nötigen Anzahl großer Säle, und die Statistik der 
in den gemieteten Sälen sich drängenden Massen liefert immer mehr nur 
einen Anzeigcmaßstab für die wirkliche Werbekraft des Demolistrations 
gegenstandes. 
hiernach ist auch die Teilnahme an der Maifeier zu bewerten. Es untersteht 
nicht dem leisesten Zweifel, daß sie in den Kerzen der sozialistischen Arbeiter 
schaft tiefe Wurzel geschlagen hat. Sehen wir von den ersten Jahren ab, 
und nehmen wir das Jahr, wo der Weltfeiertag der Arbeit zuerst in der 
noch bestehenden Anordnung zwischen Partei lind Gewerkschaften gefeiert 
wurde, als Ausgangspunkt, so hat sich die Zahl der in Berlin am 1. Mai 
Arbeitsruhc Äbenden immerhin seit jenem Jahr vervierfacht. 1894 wurden 
in Berlin von den Gewerkschaften 12 000 Feiernde festgestellt, 1905 dagegen 
waren es zwischen 50- und 60 000. Die Zahl derer aber, die an den Nach 
mittags- und Abendfesten der Wahlvereine teilnahmen, beläuft sich auf 
mehrere Kunderttausend. Lind welche Begeisterung bricht auf diesen Festen 
neben allen Lustbarkeiten und Llntcrhaltungen immer wieder durch! Mit 
welchem Jubel werden auf ihnen die Melodien der Arbeiterlieder begrüßt, 
mit welcher Inbrunst die Massengcsänge mitgesungen, mit welch stürmischen 
Zustimmungen die Festreden entgegengenommen, die den Sinn der Feier 
darlegen! Es ist ein großer Irrtum, sie wegen der Verbindung mit den 
Lustbarkeiten als „Kaffeekränzchen" gering einzuschätzen. Das Maifest soll 
ein Fest der Freude sein, und um so mehr wird der Weltfeiertag der 
Arbeiterklasse seinen Zweck erfüllen, je mehr er für die Heranwachsende 
Arbeitergeneration den Wert und die Bedeutung erlangt, den die alten 
Kirchenfeste für ihre Eltern und Voreltern gehabt hatten.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.