Full text: Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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ihr Vermögen und ihre finanziellen Erträge. Lier stoßen wir denn auch unter 
beiden Gesichtspunkten auf ein Wachstum, das stärker ist, als das der 
Bevölkerung. Wie durchgängig in der kapitalistischen Welt, nimmt auch 
in Berlin die Kollektivform der Änternchmung und der Gesamtbetrag des 
Kollektivkapitals in schneller Steigerung zu. 1892/93 zählte Berlin 242 nicht 
physische Zensiten, 1905 war ihre Zahl auf 383, das heißt um über 
58 Prozent gestiegen. Die Zahl der nichtphysischen Zensiten in den 
Vororten Berlins ist dagegen ziemlich gering. Wenn der Aktionär 
frei ist „wie der Vogel in der Luft", so ist die Aktiengesellschaft in den 
meisten Fällen an den Ort gebunden und wechselt ihn nur unter dem Druck 
besonderer Ll instand e. 
Absolut an den Ort gebunden ist nur wenig noch in unserer Zeit. 
Wie aus den oben entwickelten Gründen eine Reihe von Fabriken und 
fabrikähnlichen Anlagen in die nördlichen und östlichen Vororte gewandert 
sind, so hat Berlin eine Anzahl von Bildungs- und Kunststätten, die ihrer 
Natur oder Größe nach zur Lauptstadt gehören, an das im Westen gelegene 
Charlottenburg abgegeben. So vor allem die Technische Lochschule und die 
Lochschulen für die bildenden Künste und die Musik, sowie die physikalisch 
technische Neichsanstalt. Charlottenburg beherbergt das Ausstellungsgebäude 
der Sezession und hat neuerdings auch ein erstes Rechtsinstitut, das 
preußische Oberverwaltungsgericht, erhalten. Zwei Theater großstädtischen 
Charakters liegen auf Charlottenburger Gebiet, und ein ebensolches Theater 
hat neuerdings auch Schöneberg. Im ganzen freilich nimmt jedoch gerade 
das Theater einen immer größeren Raum in Berlin ein. Jahr für Jahr 
erstehen hier neue Theater, jedes Genre fast hat mehrere Bühnen, die es 
kultivieren, und ganz besonders der Nordwcsten Berlins entwickelt sich zu 
einem großen Theaterzentrum. Neben den Stätten des Dramas in seinen 
verschiedenen Abtönungen und Formen samt vielen Stätten der Musik 
pflege breiten sich auch die sogenannten Spezialitäten- und Ausstattungs 
theater immer mehr aus, sowie die Musikhallen und Kabaretts, wie sich nach 
französischem Vorbild neuerdings die teuren, aber keineswegs immer künstlerisch 
höher gearteten Znterhaltungslokale jener Gattung nennen, für die um die 
Zeit von 1870 der Ausdruck Tingeltangel geschmiedet worden war, und 
neben der anspruchsvollen neueren Abart bestehen von diesen Lokalen nicht 
wenige in ihrer ursprünglichen Gestalt auch heute noch. Ähnliches kann 
von den öffentlichen Tanzlokalen Berlins gesagt werden. Sie erhalten sich 
in allen möglichen älteren Formen, aber daneben kommt ein neues Genre 
mit noch größerem Luxus und natürlich auch höheren Preisen auf, ohne 
darum weniger Markt für Prostitution aller Art zu sein. Der Grundzug 
der modernen Entwicklung macht sich auch hier geltend: während sich das 
Durchschnittsniveau in bezug auf Ausstattung hebt, vergrößern sich die 
Abstände. Manches in den Stätten der Erholung und des Genusses zeigt 
Spuren eines verbesserten Geschmacks; selbst in den billigeren Lokalen sieht 
es besser aus als früher, die dumpfen Kellerwirtschaften verschwinden und 
Luft und Licht kommen mehr zu ihrem Recht. Aber die Verbesserungen 
in den Wirtschaften, wo der Arbeiter verkehrt, sind winzig im Vergleich zu 
der Steigerung des Luxus in den Restaurationen und Lotels der oberen 
Schichten der besitzenden Klassen. Die Zahl und der innere Reichtum 
dieser Llnternchmungen nimmt unausgesetzt zu.
	        
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