fullscreen: Die deutsche Hausindustrie

§ 4- Lohnämter 
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in der Woche für 7 sh 6 d bis 12 sh 10 d arbeiteten. Das Kleideramt griff 
nun mit Erfolg ein. Alsbald waren Arbeitgeber und Arbeiter der Anficht, 
daß das Schwitzfyftem tatfächlich famt den Umftänden, die das Übel erzeugt 
hatten, der übermäßigen Konkurrenz der Heimarbeiter, die gegeneinander 
gehetzt worden waren, verfchwunden fei. — Bezüglich der Hemdenfabrikation 
konftatiert die Königliche Kommiffion (1903): Man wird als unumftrittene 
Tatfache zugeben, daß das Fabrikgefetz (das die Lohnämter einführte) in 
diefem Gewerbe eine häßliche Form des Schwitzfyftems gebrochen und in 
nicht geringem Grade eine fleißige und würdige Klaffe Frauen befchützt 
hat. — In der Abteilung „Herftellung von Unterkleidern“ waren die Infpek- 
torenberichte voll von Beifpielen eines eigentlichen Schwitzfyftems. Um nur 
auf 10 sh in der Woche zu kommen, mußten die Heimarbeiterinnen außer 
ordentlich lange arbeiten. Es kam vor, daß Frauen felbft durch angeftrengtefte 
Arbeit nur 6 sh in der Woche verdienten. Das Lohnamt befferte auch nicht 
fogleich etwas an diefen Zuftänden. Es wagte wegen des häufigen Wechfels 
der Mufter keine Stücklohnfätze aufzuftellen, fondern nur Zeitlöhne, auf 
Grund deren die Unternehmer die Stücklöhne felbft beftimmen follten. Die 
Normierung der Löhne wurde nun von den Unternehmern möglichft weit 
hinausgefchoben. Allmählich zeigte fich aber doch eine Befferung; 1900 
wurden Fälle berichtet, in denen Arbeiterinnen für diefelbe Arbeit doppelt 
foviel als vor dem Entfcheid erhielten. Die Statiftik zeigt eine langfame, 
aber ftetige Zunahme der Stücklöhne von 14 sh 11 d im Jahre 1900 bis 
(7 sh im jahre 1907- Die notorifchen sweaters verfchwanden oder gingen 
zu hohem Lohnfätzen über, die Klagen der Arbeiterinnen über Ausbeutung 
nahmen ab, die wefentliche Befferung der Lohnverhältniffe ift wiederholt 
von den Heimarbeiterinnen zugegeben. 
Unliebfame Nebenwirkungen, die einer Mindeftlohnfeft- 
fetzung von Theoretikern in der Regel vorausgefagt werden, find in Viktoria 
wenigftens auf die Dauer nicht aufgetreten. Der Minimallohn 
— fo heißt es — birgt die Gefahr in fich, Normallohn zu werden. Der 
Unternehmer fucht auf Grund des feftgefetzten Mindcftlohns einen Ausgleich 
der Löhne herbeizuführen. Und fo hört der Lohn, der nach der Abficht des 
Gefetzgebers nur nach unten unbeweglich werden follte, auch auf nach oben 
fich zu bewegen: er wird allmählich auf die untere Grenze feftgefetzt. Diefer 
Gefahr ift auch die viktorianifche Gefetzgebung in den erften Jahren nicht 
ganz entgangen.*) Der minimum wage wurde nach dem Berichte der König 
lichen Kommiffion in vielen Fällen zum Standard wage. Die neuen Fabrik- 
*) Schachner a. a. O. 246.
	        
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