Full text : Die Prostitution als soziale Klassenerscheinung und ihre sozialpolitische Bekämpfung

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Erschwindelte  durch  eine  „Kollekte  für  armenische  Waisen"  an  einem
Tage  48  Mark,  die  vernascht  wurden,  ebenso  das  Versetzungsgeld  für
drei  erschwindelte  Jacketts.  Entläuft  vom  Hause  und  stiftet  ihren
12  jährigen  Bruder  zum  Straßenraubs  an.  Vollendete  Schauspielerin. ­

6.  F.  G.  17  Jahre  alt.  Hat  angeblich  als  Fünfzehnjährige
mit  vielen  verheirateten  Männern  Unzucht  getrieben,  dasselbe  später
in  E.  wiederholt.  Galt  schon  im  14.  bis  16.  Lebensjahre  laut  gerichtlicher ­
  Feststellung  als  geschlechtlich  beschälten.  Lügt.  Eltern  total
niachtlos.  Bruder  im  Gefängnis.
7.  G,  H.  Vater  potator  (Trinker),  der  die  Kinder  mißhandelt,
so  daß  er  ins  Gefängnis  kommt,  aber  strenge  auf  das  abendliche
Gebet  der  Kinder  hält!  G.  ist  Umhertreiberin  gewesen.
8.  H.  I.  17  Jahre  alt.  Schamlose  Dirne.  Vater  und  Mutter
gänzlich  machtlos.  Das  Haus  wird  vom  zuständigen  Geistlichen  als
eines  bezeichnet,  in  dem  nie  Ordnung  geherrscht.
9.  I.  K.  16  Jahre  alt.  Bis  zuni  14.  Jahre  äußerlich  ganz
tadellose  Schülerin,  „die  beste  Konfirmandin".  Dabei  innerlich
durch  das  Lesen  schlechter  Bücher  schon  verdorben.  Ergibt  sich  mit
Bewußtsein  der  Unzucht.  Erschwindelt  Abmeldeschein  mit  höherem
Alter.  Bordelldirne  in  C.  und  D.  Ganz  erschreckender  Zynismus.
Bei  der  Aufnahme  ohne  jegliches  Schamgefühl.  Langer  Aufenthalt
im  Krankenhause,  Muß  genau  überwacht  werden,  da  sie  z.  B.  in
Köln  ganz  verwegene  Fluchtversuche  unternommen  und  ausgeführt ­
  hat.
Aus  dem  68.  Jahresbericht  des  evangelischen  Asyls  für  weibliche
Entlassene  und  des  Magdalenenstiftes  Kaiserswerth  a.  Rh.  ersehen
wir,  daß  von  39  neu  aufgenommenen  Mädchen  9  Vollwaisen,  5  Vaterwaisen,
  6  Mutterwaisen,  6  unehelich  geboren  waren.  Nach  dem
69.  Bericht  über  das  Jahr  1901/1902  derselben  Anstalten  waren  von
70  neu  aufgenommenen  Mädchen  11  Vollwaisen,  13  Vaterwaisen,
18  Mutterwaisen,  7  waren  .  unehelich  oder  vorehelich  geboren,
4  wuchsen  in  Familien  auf,  deren  Elternpaare  geschieden  waren  oder
getrennt  lebten.
Das  Zufluchtshaus  Elberfeld-Barmen  nahm  im  Jahre  1893
74  Pfleglinge  auf.  Von  diesen  waren  38  völlig  verwaist,  „oft  schon
in  frühester  Jugend",  28  waren  Halbwaisen.  Es  entbehrten
82,4  Proz.  der  völligen  elterlichen  Erziehung.'
II.  Die  sozial  ohnmächtige  P  f  I  i  ch  t  v  o  r  m  u  n  d  s  ch  a  f  t
und  die  P  r  o  st  i  t  u  t  i  o  n.
Unter  unseren  sozial  aussätzigen  Mädchen  sind  zahlreiche  das
Opfer  unserer  mangelhaften,  leistungsunfähigen  Einrichtung  der
Pflichtvormundschaft  geworden.  Die  Prostituierten  verbrachten  ihre
entbehrungsreiche,  freudlose  Jugend  sehr  oft  in  einer  Vater-  oder
mutterlosen  Familie.  Sie  standen  häufig  von  Kindesbeinen  an
upter  Pflichtvormundschaft.
            
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