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listenkongresses zu befinden und zu der Tagesordnung dieses Kongresses:
Stellung zu nehmen hatten.
Von diesen Versammlungen hatte die erste einen ungemein bewegtem
Verlauf genommen, so daß sie vor Erledigung der Tagesordnung abge
brochen werden mußte. Aber auch in der hierauf einberufenen zweiten
Versammlung, die von über viertausend Personen besucht war, ging es
sehr stürmisch zu. Der Amstand, daß auf Anraten des Parteivorstandes
die Maifeier für 1891 statt am 1. Mai, am ersten Sonntag im Mar
gefeiert worden war, hatte bei dem kampflustigeren Teil der Sozialdemo
kraten Berlins starke Anzufriedenheit erregt, und da der Brüsseler Kongreß
unter anderem über die Art der Feier autoritativ zu entscheiden hatte, ward
die Diskussion der Frage, für welchen Tag und Charakter der Feier die
Berliner Delegierten in Brüssel stimmen sollten, den Wortführern der
Opposition ein Anlaß, aufs neue mit Anklagen gegen die nach ihrer An
sicht überopportunistische, im Parlamentarismus erschlaffte Führung der
Partei hervorzutreten. Diese Auffassung vertraten, meist mit mehr Wärme
als Geschick, Richard Baginski, E. Biester, Wilhelm Werner und
Karl Wildberger, während August Bebel und Richard Fischer den
von der Parteileitung eingenommenen Standpunkt verteidigten. Die sehe
lebhaften Auseinandersetzungen endeten in der zweiten Versammlung damit,
daß mit überwältigender Mehrheit eine Resolution angenommen wurde,
welche sich dafür aussprach, daß die Berliner Delegierten in Brüssel die
Grundsätze der bis dahin von der Partei geübten Taktik vertreten sollten.
Die Maifeier solle als Fest der Arbeit und des Protestes unbedingt auf
recht erhalten, aber die Bestimmung über die Art und den Charakter der
Feier den einzelnen Ländern überlassen bleiben. Nur etwa 200 Lände
erhoben sich gegen die Resolution. Zu Delegierten wurden die Klavier
arbeiter Robert Schmidt und Fritz Zubeil, sowie die Näherin Ottilie
Baader gewählt, die alle drei in ihren Ansichten durchaus der
schärferen Tonart zuneigten. Linsichtlich des Datums der Maifeier hatte
die Meinung die Oberhand, daß unter den gegebenen Verhältnissen der
erste Sonntag im Mai der geeignetste Tag für sie sei.
Trotzdem die Niederlage, die sie auch hier wiederum erlitten hatte, über
wältigend war, streckte die Opposition indes noch nicht die Waffen. In
der Versammlung vom 3. Juli hatte August Bebel geäußert, er werde
auf dem bevorstehenden Parteitag — Erfurt — dafür Sorge tragen, daß
klare Bahn zwischen der Opposition und der Partei geschaffen werde.
Wolle oder könne die Opposition sich nicht in die Taktik der Partei schicken,
so werde ihr Gelegenheit gegeben werden, eine eigene Partei zu gründen.
Das war als Drohung mit Ausschluß aus der Partei aufgefaßt worden,
und zum Teil daraufhin verfaßte die Oppositton ein Manifest „An die sozial
demokratischen Parteigenossen Berlins", das bald nach der Versammlung vom
9. Zuli herauskam und zum Motto den Ausspruch St.Simons hatte: „Erinnere
Dich, mein Sohn, daß man begeistert sein muß, um große Dinge zu voll
bringen." Es war von Ernst Müller, Schmidstraße 39, Berlin, als für den
Inhalt verantwortlich gezeichnet, war aber Kollektivarbeit von Karl Wild -
berger im Verein mit Albert Auerbach, Paul Kampffmeyer, Brune
Wille und einigen anderen. In scharfer, jedoch trotz mancher Äbertreibunger
nicht unwürdiger Sprache geschrieben, war es ein ganzer Anklageakt geger