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teresse des Staates und daher schließlich in ihrem eigenen läge, so nützt ihm
diese Einsicht nichts, weil sein isoliertes Vorgehen in dieser Hinsicht nur
seinen Schaden herbeiführt. Ganze Organisationen können hingegen der Politik
in erheblichem Maße dienen. Wenn große Unternehmungen geeint staats
feindlich Vorgehen, ist es auch bedeutend leichter, gegen sie Maßnahmen zu
ergreifen, weil man weiß, an wen man sich zu halten hat.
Eine überaus wichtige Frage ist in Kriegszeiten die des Imports,
insbesondere die des Lebensmittelimports. Bei jeder Kriegsgefahr bildet dieser
Punkt den Gegenstand lebhaftesten Interesses. Die Zurückdrängung der Land
wirtschaft durch die Industrie hat die Lebensmitteleinfuhr überaus bedeutsam
gemacht. Wenn wir die durch die letzten Verwicklungen für Österreich-Ungarn
und Deutschland geschaffene Situation voraussetzen, ist die Zufuhr auf Schiffen
nur über die Häfen der Ost- und Nordsee, sowie der Adria möglich.
Selbst wenn es den beiden Flotten gelingen sollte, die Häfen von einer eigent
lichen Blockade frei zu halten, so sind sie wohl kaum in der Lage,
die beiden schmalen Zufahrtsstraßen, den Ärmelkanal und
die Straße von Otranto, dauernd zu sichern. Im Gegensatz
dazu ist z. B. Frankreich weit schwerer von der Zufuhr abzuschneiden. Was
den Import über neutrale Staaten anlangt, so kommt für Österreich-Ungarn die
Zufuhr über die Schweiz wegen der einigermaßen gesicherten Neutralität dieses
Landes in erster Reihe in Betracht; die Zufuhr über Italien, Serbien und Ru
mänien, eventuell einmal, nach ausgebauter Bahnverbindung, über die Türkei,
ist schon, je nach der politischen Lage, weit weniger sicher. Für Deutschland
sind Belgien, die Niederlande, Luxemburg und die Schweiz in erster Reihe zu
nennen. Die Frage, wie weit die Neutralität gewahrt wird,
ist eine cHf ene. Daß England und Deutschland mindestens ernsthaft erwägen,
die Neutralität der Niederlande gegebenenfalls zu mißachten, ist bekannt, aber
auch die Schweiz ist keineswegs vor einem Neutralitätsbruch sicher. Frankreich
hat diesbezügliche Feldzugspläne ausgearbeitet, um längs des Jura das Rheinknie
zu erreichen, während von deutscher Seite die entsprechenden Gegenmaßregeln
an der Schweizer Grenze in der Form von Forts geschaffen wurden. Die
Schweiz selbst ist sich über ihr Verhalten noch nicht klar, da einerseits von
mancher Seite das Aufgeben der Vorlande beim Einmarsch der Franzosen für
notwendig erachtet wird, da die Schweizer Armee nur die Berge zu halten in der
Lage sei, während von anderer Seite unbedingtes Festhalten der Grenze gefordert
wird.^*) Aber «auch ohne eigentliches Durchbrechen der
Neutralität ist eine Absperrung der Zufuhr denkbar, wenn
nämlich den neutralen Staaten nur der für sie nötige Im
port zugestanden, jeder Überschuß hingegen zurückgehal
ten wird. Es wird dann von den importierenden Staaten ab-
hängen, ob sie sich eine solche Einschränkung gefallen
lassen. Als die Nordstaaten im amerikanischen Bürgerkrieg die Häfen des
Südens blockierten, mußte sich Europa aus anderen Ländern mit Baumwolle
oder Surrogaten versorgenWesentlich ist dabei selbstverständlich die Lage
des Kriegsschauplatzes, so hat z. B. der Russisch-Japanische Krieg den Handel
nur wenig direkt berührt. Vielumstritten ist die Frage, wie weit sich einzelne
Staaten, z. B. Deutschland oder Österreich-Ungarn, die eine mehr zentrale Lage
haben, im Kriegsfall versorgein können, wenn die Zufuhr tatsächlich abgeschnitten
werden sollte. Während die einen geradezu eine Aushunge
rung für möglich erachten, glauben andere, Staaten, die,
w i e die genannten, noch keine vollen Industriestaaten
sind, würden im Notfall durch geeignete Maßnahmen eine
Mehrproduktion an Getreide, Kartoffeln usw. erreichen
können, indem alles, was zur Nahrung verwendbar ist, zu
anderen Zwecken nicht verbraucht werden darf, auch
könne Vieh in größerer Menge geschlachtet werden.
54) Vgl. darüber „Der Bund“. 4 /5. April 1906, S. 2.
55) C. v. H ock, a. a. O. S. 513.