4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 125
zustand Lübecks in älterer Zeit darauf zurückgeführt, daß die Stadt
von hohen Wällen und Mauern derart umgeben war und die Aus-
gänge der abwärtsführenden Straßen mit Türmen so verschlossen
waren, daß nur die hochgelegenen Häuser genügend frische Luft
erhalten konnten. „Auf den Höhen hinter den Häusern lagen seichte
Brunnen ganz in der Nähe von tiefen Kloaken für die menschlichen
Exkremente, die oft ein Jahrhundert nicht gereinigt wurden. Das
Wasser dieser Brunnen, welches durchaus gesundheitsschädlich war,
„ . . diente neben dem Wasser der Wakenitz allgemein zum
Trinken“ 1.
Auf die älteren Angaben über die Sterblichkeit ist wenig Verlaß.
Was uns aus zeitgenössischen Quellen über das Sterben bei Pest
und Hungersnot mitgeteilt wird, beruht vielfach auf sehr unzuver-
Jlässigen Schätzungen; Berechnungen auf Grund der Angaben in
Kirchenbüchern, wie sie neuerdings viel gemacht werden, müssen
dagegen alle die Fälle unberücksichtigt lassen, in denen ein Sterbefall
nicht zur amtlichen Kenntnis gelangte. Daß das vor allem bei
kriegerischen Ereignissen, oder bei Seuchen und Hungersnöten
häufiger vorgekommen ist, bedarf keiner besonderen Begründung.
Wir müssen also die aus den Totenregistern berechneten Sterbe-
ziffern als Minimalzahlen auffassen. Es ist dabei zu beachten, daß
die Sterblichkeit in ruhigeren Zeiten vielleicht keineswegs außer-
gewöhnlich hoch waren, daß sie vielmehr nur durch immer wieder
auftretende Kriege, Seuchen und Hungersnöte sehr in die Höhe ge-
schraubt wurde. Im Gegensatz zu den Verhältnissen in neuerer
Zeit war also in den früheren Jahrhunderten die Sterblichkeit starken
periodischen Schwankungen unterworfen. Die ältesten, uns über
die Höhe der Sterblichkeit zu Gebote stehenden Ziffern sind die
Angaben über die Lebensdauer der deutschen Kaiser, wie sie
Kemmerich zusammengestellt hat. Diese Ergebnisse hat Prinzing
in die folgende Form zusammengefaßt:
Lebensalter
10—20 Jahre
20—-40 »
40-——60 ”
über 60
Karolingisches u. sächsisches Kaiserhaus Salier, Hohenstaufen u. Welfen
(46 Personen) (34 Personen)
Gestorhen auf 160 Lehende Gestorben auf 100 Lebende
6 1,4
a 2,6
16 5,8
7 16,23
43
3:4
5,8
12,0
1) Reisner, a. a. O., S. 119/20. — Vgl. dazu die zusammenfassende Schilde-
rung bei Kulischer, a. a. O. Bd, ı, S. 174.