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192. Amschlagzeichnung
einer vom Verlag der Buch
handlung Vorwärts heraus
gegebenen Gedichtsammlung
Die Kehrseite des Bildes liefert die Ge
schichte der Strafverfolgungen des „Vor
wärts". In dessen oben erwähnter Jubiläums
nummer gibt Paul Singer die Gesamtsumme
der Strafen, welche während der fünfundzwanzig
Jahre von 1884 bis 1909 über Redakteure
des „Vorwärts" verhängt wurden, auf rund
10800 Mk.Geldstrafen, lOIahre 18^ Wochen
Gefängnis, sieben Wochen Gefängnishaft und
drei Monate Festungshaft an. Weit mehr als der
entsprechende Prozentsatz kommen davon auf
unsere fünfzehn Jahre. Linker dem Sozialisten
gesetz war man mit gerichtlichen Verfolgungen
der Presse, die man unter dem Lcnkerbeil wußte,
nicht gar zu schnell bei der Land gewesen,
und nach dem Jahre 1905 sind ihrer auch ver
hältnismäßig wenig. Aber zwischen 1891 und
1905 regnete es zeitweilig Anklagen. So nament
lich während des „Köller-Coups". In diese Zeit
fällt auch der Versuch, neben dem verantwort
lichen Redakteur des „Vorwärts", dessen dama
ligen Verleger, Max Bading, für den Inhalt
einer Nummer des „Vorwärts" — die auf rotem Papier gedruckte Nummer
vom 18. März 1895 — verantwortlich zu machen und zu verurteilen.
Im übrigen fällt die Geschichte des „Vorwärts" mit der Ge
schichte der Partei zusammen. Seine Sprache ist grundsätzlich das Echo
der politischen Empfindungen der kämpfenden Genossen, seine äußere wie
seine innere Entwicklung spiegeln im wesentlichen nur die entsprechenden
Entwickelungen der Bewegung wider, deren Organ er ist. Mit ihrer
Ausbreitung steigt auch seine Verbreitung, und wie sie sich immer weiter
verzweigt und vertieft, nimmt auch er an Inhalt und eindringender
Behandlung der die Arbeiterklasse angehenden Fragen zu. Ohne mit den
gewerbsmäßigen Klatsch- und Sensationsblättern in Konkurrenz zu treten,
verselbständigt und verbessert er fortschreitend seinen Nachrichtendienst. Lind
wie er niemals aufhört, in erster Linie ein politisches Blatt zu sein, findet
er doch zugleich immer mehr Platz für Vorgänge und Fragen auf den Gebieten
von Kunst, Wissenschaft und schöner Literatur. Zu keiner Zeit hatte es
ihm an Mitarbeitern, die auch hierin auf der Löhe der Zeit standen, und
an Aufsätzen aus ihrer Feder gefehlt. Aber nie zuvor wurde diesen
Fragen und Erscheinungen soviel Aufmerksamkeit in seinen Spalten ge
widmet, als in den Jahren, mit denen unsere Epoche abschließt, und daß
dies geschah und verlangt wurde, zeugt dafür, daß auch der geistige Löhe
stand seiner Leser gestiegen war, von denen wir mit gutem Fug sagen
können, daß sie die Elite der Arbeiterschaft Berlins bilden.
In den Jahren von 1891 bis 1896 hatte Groß-Berlin neben dem
„Vorwärts" noch ein zweites sozialdemokratisches Blatt im „Volksblatt
für Teltow-Beeskow-Storkow-Charlottenburg". Es war ein