fullscreen: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Weltanschanung 
Erfahrung unterzwungen sein wird. Aber sind wir soweit? 
Keineswegs. Und mit dem Monismus ist auch der Determinis— 
mus noch angreifbar, weil unvollständig bewiesen. Gewiß kann 
auch kein Beweis für das Dasein der Freiheit geführt werden, 
es sei denn durch die Behauptung, die Annahme der Freiheit 
selber sei schon eine freiheitliche That. Aber die Lage, wie sie heute 
ist, läßt sehr wohl, zwar nicht wissenschaftlich, doch praktisch 
Nichtdeterministen zu. Für diese aber wird eine monistische 
Betrachtung des Weltbildes mindestens der Ergänzung bedürfen: 
praktische Forderungen der Freiheit und einer auf ihre An— 
nahme aufgebauten Moral scheinen hier eine von dem einheit— 
lichen Prinzip der Erfahrungswelt getrennte Kraft zur Be— 
friedigung ihrer Bedürfnisse zu heischen: und von diesem Stand— 
punkte aus treten sich Gott und Welt gegenüber. 
Aus diesen Zusammenhängen versteht es sich, wenn mit dem 
Einsetzen der neuen Zeit der Reizsamkeit die anscheinend so 
feste Grundlage ausschließlich monistischen Denkens ins Wanken 
geriet: denn die Reizsamkeit erzeugte zunächst eine ästhetische 
Kultur, die dem Denken überhaupt feindselig oder wenigstens 
abgewandt war, und aus dieser gingen ethische Bedürfnisse 
hervor, denen praktische Konsequenzen eines Dualismus weitaus 
wichtiger waren als logische Folgerungen in monistischem 
Sinne. Und so ist heute selbst eine Anzahl jüngerer Philo— 
sophen vorhanden, die dem Dualismus huldigen. 
Am frühesten aber hat sich der Katholizismus der ver— 
änderten Zeitströmung bedient, um der dualistischen Lehre des 
Christentums ein neues philosophisches Stützwerk unterzubauen. 
Schon im Jahre 1879 erschien die Encyklika Aétèrpi patris, 
welche das Studium des h. Thomas von Aquino von neuem 
belebte. Und seitdem hat eine katholisch-thomistisch-dualistische 
Philosophie großen Aufschwung genommen; zu den ver— 
schiedenen Thomasakademien in romanischen Ländern ist auch 
eine auf deutschem Boden, zu Luzern, gekommen, und Werke 
wie die Moralphilosophie des Jesuiten Cathrein (in zweiter 
Auflage 1893) verbreiten ihre Lehren bis in die letzten Winkel 
der katholischen Welt. Was Wunder, wenn sich diese Schule
	        
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