Full text : Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft

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keine  Neutralen  kennt,  wie  dies  zum  letztenmal  vor  hundert  Jahren  in  den  napoleonischen
  Kriegen  der  Fall  war.  Es  gibt  da  z.  B.  keine  „äußeren“  Anleihen
mehr,  da  jeder  kämpfende  Staatenverband  auf  sich  selbst  angewiesen  ist.  Es
wäre  eine  wichtige  Aufgabe,  auf  Grund  der  Beobachtungen,  die  man  über  die
Wirkungen  des  Balkankrieges  auf  die  Weltwirtschaft  gemacht  hat,  allgemeinere
Ergebnisse  zu  formulieren.
Merkwürdigerweise  hat  die  Friedensbewegung  sich  bisher  auf  ökonomischem
Gebiet  sehr  steril  gezeigt.  Die  jetzt  durch  das  Carnegie  Endowment  for  International ­
  Peace  angeregten  Einzeluntersuchungen  können  nicht  hierher  gerechnet
werden,  weil  sie  inhaltlich  kein  Ausfluß  der  Friedensbewegung  sind,  da  laut
Statut  die  Division  of  Economics  and  History  völlig  objektive  Arbeiten  über  die
ökonomischen  und  historischen  Ursachen  und  Wirkungen  der  Kriege  zu
fördern  hat,  daher  Ergebnisse  nicht  ausgeschlossen  sind,  welche  die  Friedensbewegung ­
  nicht  zu  unterstützen  geeignet  erscheinen.  Die  ökonomischen  Ausführungen ­
  der  Pazifisten  sind  meist  wenig  originell  und  kommen  häufig  über
recht  unzulängliche  Berechnungsversuche  nicht  hinaus,  welche  die  durch  die
Kriege  verursachten  Verluste  in  Geldsummen  zum  Ausdruck  zu  bringen  suchen.
Sie  begehen  damit  freilich  einen  Fehler,  der  auch  bei  Nichtpazifisten  recht
verbreitet  ist.  Hier,  wie  so  oft,  versagt  die  geldwirtschaftliche  Betrachtungsweise ­
  vollständig.  Besonders  verfehlt  ist  dies  Vorgehen  dort,  wo  man  den  Versuch ­
  macht,  Leistungen  in  natura  nach  irgendeinem  Maßstab  geldwirtschaftlich
umzurechnen.i^)  In  großzügiger  Weise  hat  die  Problemstellung  Normann
Angell  gefördert,  dessen  Werk  auch  in  Deutschland  einiges  Aufsehen  gemacht ­
  hat.15)  Es  leidet  darunter,  daß  es  von  vornherein  tendenziös  angelegt
ist  und  die  angeregten  Fragen  zu  wenig  gründlich  behandelt.  Dazu  kommt
noch,  daß  alle  Thesen  möglichst  übertrieben  formuliert  werden,  wodurch  sie
grotesk  und  skurril  wirken.  Wenn  auch  die  Verquickung  von  Propaganda  und
Forschung  nicht  immer  schädlich  sein  muß  —  begeistert  ja  nicht  selten  gerade
ein  bestimmtes  praktisches  Ziel  den  Forscher  und  macht  ihn  scharfsichtig  —,  so
ist  doch  gerade  auf  diesem  so  heiklen  Gebiete  von  einer  reinlichen  Scheidung
zwischen  Forschung  und  Propaganda  am  meisten  zu  erwarten,  weil  die  Resultate, ­
  die  der  Vertreter  eines  bestimmten  Zieles  von  der  Wissenschaft  erhofft,
einerseits  nicht  sehr  rasch  gefunden  Und  andererseits  nicht  in  wenigen  Sätzen
formuliert  werden  können,  sondern  viele  Klauseln  nötig  machen,  die  für  den
Parteikampf  nicht  sehr  brauchbar  sind.  Dagegen  ist  aber  selbstverständlich
nichts  einzuwenden,  daß  der  Forscher,  der  in  seinen  wissenschaftlichen  Publikationen ­
  vorsichtig  alles  abwägt  und  vieles  im  Zweifel  lassen  muß,  nebenbei
als  Vertreter  einer  Idee  zukünftige  Forschungsergebnisse  im  Interesse  praktischen ­
  Handelns  antizipiert  und  sich  für  sein  Ziel  mit  aller  Energie  einsetzt.
Gerade  der  Balkankrieg  zeigt  so  recht  deutlich,  wie  mannigfaltig  die  Folgen
sein  können,  die  der  Krieg  in  den  heute  empirisch  vorliegenden  Volkswirtschaften ­
  hervorzurufen  vermag,  und  wie  unwahrscheinlich  es  ist,  daß  sich  die
Bedeutung  des  Krieges  für  die  Volkswirtschaft  eindeutig  und  kurz  formulieren
läßt.  Wir  sehen,  wie  er  hier  schwerste  Störungen,  dort  nur  geringfügige  Veränderungen ­
  hervorruft,  vielleicht  an  anderen  Stellen  geradezu  anregend  wirkt.

1*)  Einen  geistvollen,  wenn  auch  nicht  ausreichenden  Versuch  hat  Otto
Effertz  in  seiner  kleinen,  heute  fast  ganz  vergessenen  Schrift  :  Die  Kosten  des
Heeres,  Wien  188'9,  unternlommen,  in  der  er,  entsprechend  seinen  in  „Arbeit  und
Boden“  ausgesprochenen  Grundgedanken,  eine  Berechnung  durchzuführen  sich
bemüht,  welche  alle  Kosten  auf  Arbeit  und  Boden  reduziert,  ein  Verfahren,  das
prinzipiell  den  Vorteil  besitzt,  daß  es  ebensogut  auf  geldwirtschaftlich,  wie  auf
naturalwirtschaftlich  organisierte  Gemeinwesen  anwendbar  ist.  Die  Schwierigkeiten, ­
  welche  sich  daraus  ergeben,  daß  inkommensurable  Größen,  wie  Arbeit
und  Boden,  zu  Summen  zusammengefaßt  werden,  deutet  Effertz  S.  23  an.
^5)  Normann  Angell,  Die  große  Täuschung.  Eine  Studie  über  das
Verhältnis  zwischen  Militärmacht  und  Wohlstand  der  Völker.  Leipzig  1910.
Neuerdings  unter  geändertem  Titel:  „Die  falsche  Rechnung“  in  einer  Volksausgabe
erschienen.
            
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